Freitag, 25. März 2005

Libro-Pleite steht vor der Entscheidung: Prozessbeginn gegen Rettberg noch heuer

  • Rechtsanwalt drängt weiter auf freies Geleit für Rettberg
  • Abschluss der Libro-Erhebungen im Sommer erwartet

Nach der Klage gegen Ex-Libro-Chef Andre Rettberg wegen "betrügerischer Krida" geht die Oberstaatsanwaltschaft Wien davon aus, dass noch heuer das Verfahren eröffnet werden kann. Sollte Rettbergs Rechtsanwalt Einspruch gegen die Anklageschrift erheben, werde sich der Prozess zwar verzögern, einen ersten Verhandlungstermin werde die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt aber voraussichtlich auch dann noch in diesem Jahr ansetzen, erklärte die erste Oberstaatsanwältin Maria-Luise Nittel auf APA-Anfrage.

Rettbergs jetziger Rechtsanwalt, Elmar Kresbach, hielt sich am Freitag zu einem möglichen Einspruch gegen die Anklageschrift bedeckt. Alleine, dass Rettberg in der Sache nie vernommen worden sei, sei bereits ein Grund für einen Einspruch. Grundsätzlich müsse Rettberg dafür aber die Anklageschrift erst einmal zugestellt werden. Der ehemalige Manager ist seit Anfang 2004 flüchtig. Ein internationaler Haftbefehl hat bisher keinen Fahndungserfolg gebracht.

Kresbach drängt weiter auf freies Geleit für seinen Mandaten. Entscheiden muss darüber das Justizministerium. Staatsanwältin Nittel meint dazu nur: "Rechtlich wäre das möglich." Letztendlich sei die "Frage, wie realistisch die Chancen sind, Rettberg vor Gericht zu bekommen". Sollte Rettberg bis zur Verhandlung nicht aufgetaucht sein, wird laut Kresbach vorerst kein Verfahren gegen den Ex-Libro-Chef sondern nur gegen zwei frühere Rechtsanwälte Rettbergs eröffnet werden können, gegen die die Staatsanwaltschaft ebenfalls Anklage erhoben hat.

"Betrügerische Krida" vorgeworfen
In dem Anklageverfahren geht es laut Medienberichten um Kredite über rund 5 Mio. Euro, die Rettberg über seine Privatstiftung 1999 zum Erwerb von Libro-Anteilen gekauft hatte. Nach der Libro-Pleite hatten die Banken Rettberg einen Teil der Kredite erlassen. Ermittlungen im Anschluss hatten jedoch ergeben, dass Rettberg 4,4 Mio. Euro aus früheren Verkäufen über mehrere Unternehmen verschoben haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm deshalb "betrügerische Krida" vor. Rettberg selbst beteuert, keinen Zugriff auf die Gelder gehabt zu haben. Für alle Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung.

In der Libro-Pleite selbst laufen die Erhebungen noch. Der Wirtschaftsprüfer Martin Geyer erstellt laut "Presse" derzeit im Auftrag des Gerichts ein Gutachten, das sich um die Frage dreht: Wurden die Anleger beim Libro-Börsegang über die finanziellen Verhältnisse des Konzerns falsch oder ungenügend informiert?

Das Gutachten wird nach Meinung Kresbachs im Frühsommer fertig sein. Allerdings geht der Anwalt davon aus, dass die beteiligten Wirtschaftsprüfer und Banken, die der Prospekthaftung unterliegen, wohl Gegengutachten vorbringen werden. Der Rechtsanwalt hofft dennoch, "dass in dem Hauptverfahren herauskommen wird, dass Rettberg nicht der Hauptverantwortliche" für die spektakuläre 334 Mio.-Euro-Pleite von Libro war. (apa/red)

25.3.2005 15:43