Sind wir die besseren Deutschen? Austro-Wirtschaft gelingt ein zweites "Cordoba"!
- Österreich seit zwei Jahrzehnten auf der Überholspur
- PLUS: So gewinnt Österreich das Ländermatch mit 11:4!
·Austro-Wirtschaft vs. Deutschland 11:4
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Das Wirtschafts-Cordoba
·Wir verdienen 2005 mehr als Deutsche!
Einkommen pro Jahr im Durchschnitt 612 höher
Zum Wien-Besuch von Gerhard Schröder bei Wolfgang Schüssel pfeift FORMAT das Wirtschafts-Ländermatch Österreich gegen Deutschland an. Der Heimmannschaft gelingt ein zweites Córdoba. Bei Schmankerln aus dem Feinkostladen Österreich besprach Schüssel mit seinem Nachbarn aus dem Norden die Problemzonen der deutschen und europäischen Wirtschaftspolitik: wenig Wachstum, viele Arbeitslose. Und dazu ein Stabilitätspakt, den die Deutschen angesichts schlechter Budgetzahlen am liebsten entsorgen würden.
So ändern sich die Zeiten. Vor fünf Jahren zeigte der deutsche Kanzler mit dem Finger auf Österreich. Die Regierungsbeteiligung der FPÖ sei eine Schande für Europa. Die folgenden EU-Sanktionen will Schröder bis heute nicht als Fehler eingestehen. Umso bitterer für den deutschen Kanzler, dass er sich im eigenen Land das Modell Österreich als Lösung für die Probleme der deutschen Wirtschaft unter die Nase reiben lassen muss.
Sind wir wirklich so gut, wie der Kanzler und seine Minister in internationalen Zeitungen gerne behaupten? Ist Österreich ein Erfolgsmodell für den Nachbarn im Norden? Sind wir am Ende tatsächlich die besseren Deutschen?
Elf zu vier
Die Fakten sprechen für Österreich: Während Deutschland mit über fünf Millionen Arbeitslosen, kaum Wachstum und abwandernden Unternehmen kämpft, kann Schüssel zumindest innerhalb Europas eine beachtliche Performance vorweisen. Das Budgetdefizit hält sich in Grenzen, das Wachstum liegt im Durchschnitt, die österreichische Reform von Pensions- und Steuersystem findet bei allen europäischen Institutionen bewundernde Anerkennung. In fast allen Standort-Rankings liegt Österreich vor Deutschland, auch die wichtigsten Kennzahlen sprechen für uns.
FORMAT hat das wirtschaftspolitische Duell der Nachbarn anhand von 15 Faktoren bewertet. Es endet mit einem Kantersieg der Heimmannschaft: 11:4 für Österreich (das Wirtschafts-Match finden Sie im Anschluss an diese Story).
Wirtschafts-Córdoba kommt nicht von ungefähr
"Von der gesamtwirtschaftlichen Performance", analysiert Sozialexperte Bert Rürup, der sowohl Schüssel als auch Schröder bei Reformvorhaben berät, liegt Österreich "ohne Zweifel voran". Der Chef des deutschen Ifo-Institutes (eine Art Wifo der Nachbarn) und Autor Hans-Werner Sinn meint trocken: "Die Wachstumsperformance Österreichs in den 90er Jahren war deutlich besser. Beim Pro-Kopf-Einkommen hat Österreich Deutschland inzwischen überholt."
Österreich ist tatsächlich seit über zwei Jahrzehnten auf der Überholspur. Allein in den letzten zehn Jahren - beginnend mit dem EU-Beitritt 1995 - ist Österreichs Wirtschaft im Schnitt um die Hälfte schneller als die deutsche gewachsen. Und auch heuer wird Österreich laut allen Prognosen ein höheres Wachstum erreichen. Und von unseren Arbeitslosenzahlen können die Deutschen nur träumen.
Deutsche Betriebe wandern nach Österreich aus
Richtig wahrgenommen wird diese Entwicklung in der Öffentlichkeit allerdings erst seit ein paar Monaten. In Bayern ist nämlich ein diplomatischer Kleinkrieg entbrannt, weil sich immer mehr deutsche Unternehmen im steuerlich günstigeren Österreich ansiedeln. Im Gegenzug gehen österreichische Konzerne auf Einkaufstour in Deutschland. Die österreichische Strabag hat erst vor kurzem den maroden deutschen Bauriesen Walter Bau geschluckt, Wienerberger steigt bei der deutschen Ziegelfirma Müller ein, und der Glashersteller Riedel hat ein Werk in Bayern gekauft.
"Österreich beschäftigt Deutsche auch als Kellner"
Und auch auf dem Arbeitsmarkt tut sich einiges: Immer mehr Ostdeutsche jobben in Österreich, vornehmlich am Bau oder als Servicepersonal in den österreichischen Skigebieten. Eine Entwicklung, die der "Bild"-Zeitung eine verächtliche Schlagzeile wert war: "Österreich beschäftigt Deutsche auch als Kellner".
Die Gründe für den Erfolg. Dass die Ösis den Piefkes derzeit gleich auf mehreren Ebenen den Rang ablaufen, hat unterschiedliche Gründe - und ist auch nur teilweise mit der Arbeit von Schüssel und Schröder zu begründen.
"Historische Zufälligkeiten"
Alles in allem hat Österreich eine historische Chance optimal genutzt: Wir liegen geografisch günstig, haben die Herausforderungen der Ostöffnung optimal genutzt, haben flexible Arbeitsbedingungen, moderate Löhne und niedrige Steuern.
Eine Position, mit der man sich aber durchaus sehen lassen kann, keine Frage. Aber der Abstand wird nicht größer. Das Nulldefizit ist mittlerweile in weite Ferne gerückt. Bei der Produktivität hat Deutschland in den letzten beiden Jahren wieder aufgeholt.
Und während Gerhard Schröder eine Reform nach der anderen durchboxt, ist in Österreich nicht mehr viel von Reformen zu merken. Das hat mit der instabilen Lage der FPÖ zu tun. Und wie die derzeitige innerparteiliche Entwicklung aussieht, wird sich an diesem Zustand auch nicht mehr viel ändern.
Warten auf Reformen
Denn zu tun wäre ja noch einiges: Das Gesundheitssystem gehört dringend reformiert, bei der Verwaltungsreform ist so gut wie nichts weitergegangen. In beiden Bereichen ist Deutschland schon einen ganzen Schritt voraus, resümiert Rürup: Wenn man die unterschiedlichen Ausgangspositionen der beiden Länder nicht berücksichtige, liege Deutschland bei der Reformfreudigkeit mittlerweile sogar schon vor Österreich.
Neben Gesundheit und Sozialsystem hat Schröder auch das Pensionssystem auf sichere Beine gestellt. Eine Steuerreform soll bald folgen. Nur bei den Löhnen und am Arbeitsmarkt wird der Abstand wohl nur langsam schrumpfen. Das Match wird noch spannend, meint der Wirtschaftsweise Rürup: "Österreich hat derzeit ein besseres Halbzeitergebnis, aber das Spiel ist noch nicht aus."
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