Freitag, 18. März 2005

Wien mit neuem Vorstoß bei Schulgesetz: Forderung nach einem Pflicht-Vorschuljahr

  • Deutschkenntnisse von Ausländerkindern verbessern
  • Stadtschulratspräsidentin stößt damit auf ÖVP-Kritik

Die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl hat ein verpflichtendes Vorschuljahr gefordert, um insbesondere die Deutschkenntnisse von Migrantenkindern zu verbessern. Im Ö1-Morgenjournal sagte Brandsteidl am Freitag, für dieses "nullte Schuljahr" müssten speziell dafür geschulte Pflichtschullehrer eingesetzt werden.

Die SPÖ-Politikerin beruft sich mit ihrer Forderung auf den Pädagogik-Experten Hans-Jürgen Krumm von der Wiener Universität. Dieser bezeichnete die derzeit vorgesehene Deutschprüfung für Ausländerkinder vor der Einschulung als wenig sinnvoll. "Die Prüfung in einer Sprache, die ich nicht kann, verängstigt, verunsichert und bringt nichts." Es würden dadurch nur Kosten entstehen. Außerdem erteilte er einer "segregierten Sprachförderung" von Ausländerkindern eine Absage.

Ein verpflichtendes Vorschuljahr für Ausländerkinder hatten unter anderem FPÖ-Vizekanzler Hubert Gorbach, SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer gefordert. ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon hatte eine solche Forderung unter anderem mit Hinweis auf verfassungsrechtliche Bedenken zurückgewiesen und sich stattdessen für "sanften Druck" (offenbar auf die Eltern der Kinder) ausgesprochen.

Breite Ablehnungsfront
Gegen die angeregte Vorverlegung der Schulpflicht um ein Jahr spricht sich die ÖVP aus. Stattdessen soll bei der Schuleinschreibung der Kinder ein Jahr vor Schulbeginn durch Pädagogen zunächst festgestellt werden, ob es Defizite bei der Beherrschung der Unterrichtssprache gebe, betonte ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon am Freitag gegenüber der APA.

Sollten solche vorliegen, sollten im Kindergarten nach Beratung mit den Eltern und in Absprache mit den Gemeinden Frühförderprogramme angeboten werden. Ein Jahr danach solle dann erneut ein Sprach-Screening stattfinden - wenn dann die Unterrichtssprache noch immer nicht beherrscht werde, könne das betroffene Kind eventuell für ein Jahr noch in die Vorschule geschickt werden, so Amon.

Eine Vorverlegung der Schulpflicht hält Amon mit Verweis auf Finnland nicht für sinnvoll: Im Siegerland der internationalen Bildungs-Vergleichsstudie PISA beginnt die Schulpflicht erst mit sieben Jahren: "Man soll die Kinder auch Kinder sein lassen", so Amon. Die Sprachtests sollen nach Ansicht Amons bei allen Kindern durchgeführt werden: Nur ausländische Kinder dazu zu verpflichten, wäre verfassungsrechtlich problematisch.

Auch Grüne dagegen
Einfach die Schulpflicht um ein Jahr vorzuverlegen, hält der Grüne Bildungssprecher Dieter Brosz ebenfalls für falsch. Natürlich sei bisher auf Frühförderung in Österreich viel zu wenig Wert gelegt worden. Nur mit dem herkömmlichen Schulsystem aber früher zu beginnen, sei "mit Sicherheit keine Lösung," so Brosz. "Die Zielsetzung muss sein, möglichst alle Kinder schon vor dem Schuleintritt zu fördern und nicht nur Kinder mit Deutschdefiziten".

Notwendige Voraussetzung dafür sind "ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen, ausreichende Angebote und Kostenfreiheit", meinte der Grüne Abgeordnete. So lange - wie etwa in Wien - finanzielle Hürden für den Kindergartenbesuch gerade für Migrantenkinder bestünden, gelte es hier Verbesserungen zu schaffen. Außerdem zeige sich, dass es für ein verpflichtendes Vorschuljahr keine Zustimmung der ÖVP gebe. "Schon aus diesem Grund müssen rasch umsetzbare, intelligente Frühfördermodelle entwickelt werden, die nur in Kindergärten angesiedelt werden können".

Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Dachverbands der Elternvereine an den Pflichtschulen, Kurt Nekula. Bei einer Verpflichtung zu einem früheren Schulbesuch sei er skeptisch. Dem Verband seien Lösungen sympathischer, "bei denen man dieses Jahr so attraktiv macht, dass alle das annehmen", so Nekula gegenüber der APA. Vollkommen sinnlos wären etwa Deutschkurse für Kinder mit Sprachdefiziten, optimal dagegen das Sprachenlernen im Kreis von gut Deutsch sprechenden Gleichaltrigen beim Spielen, Singen und Tanzen.
(apa)

18.3.2005 13:40