Sonntag, 13. März 2005

No risk, no fun! Grenzgänger Bode Miller fuhr am Limit zum Gesamt-Weltcup-Triumph

  • Unberechenbarer US-Boy braucht Risiko zum Siegen
  • PLUS: Vom Hippie-Sohn in die Ski-Geschichtsbücher

Samuel Bode Miller hat 22 Jahre nach Phil Mahre (1981-83) als zweiter US-Amerikaner den Gesamtweltcup der alpinen Ski-Herren geholt und damit am Samstag in Lenzerheide die Nachfolge von Hermann Maier angetreten. Der 27-Jährige aus Franconia im US-Bundesstaat New Hampshire, immer am Limit und deshalb nie berechenbar, hat den Beginn der Saison dominiert und am Ende den Kritikern, die an seiner Nervenstärke zweifelten, eiskalt die Stirn geboten. Der Ski-Wechsel im vergangenen Frühjahr von Rossignol zu Atomic hat sich für Miller bezahlt gemacht, die Beziehung steht nach einer Saison auf festen Beinen.

Miller ist ein verdienter Gesamtweltcupsieger. Noch im alten Jahr hatte er sich in einen Siegesrausch gesteigert und innerhalb von 16 Tagen Triumphe in allen vier Disziplinen gefeiert. Am 28. November schloss er nach einem Erfolg im Super G zu den Top-Allroundern Kjetil-Andre Aamodt (NOR), Pirmin Zurbriggen (SUI), Marc Girardelli (LUX) und Günther Mader (AUT) auf, die alle Weltcupsiege in fünf Disziplinen geschafft haben. "Es ist fantastisch, zu dieser elitären Gruppe zu gehören. Die letzten Tage waren wirklich unglaublich", freute sich der ob des jungen Winters noch frische US-Boy damals, den Meilenstein mit vollem Schwung genommen zu haben.

Mit Fortdauer der Saison wurden die Siege rarer, aber bei der WM in Bormio ließ Miller es mit den Titeln in Abfahrt und Super G wieder krachen, amüsierte mit nächtlicher Rumtreiberei die Boulevardmedien und sah sich den Super-Bowl-Triumph seiner New England Patriots im US-Haus in Bormio mit Freunden lässig am Boden sitzend an. Weil es für ihn zu jeder Zeit nicht nur Skifahren gibt, und weil er es liebt, zu spielen und sich selbst auszuloten: "Wenn du Skirennen gewinnen willst, musst du die Limits hinausschieben und ständig riskieren. Ich habe genug Energie. Aber mein Ziel ist immer, am Start zu stehen und zu wissen, dass ich gewinnen kann."

Hippie-Sohn als Kumpel-Typ
Miller ist nicht Maier. Der Salzburger hat dem Amerikaner den Wahnsinnssturz mit folgenden Olympia-Goldmedaillen in Nagano und das unglaubliche Comeback nach dem Motorradunfall voraus. Das aufzuholen geht nicht. Beim "Ich hab etwas, was du nicht hast", hat Miller in Zeiten wie diesen dennoch die Nase vorne. Er trifft den Nerv der Next Generation - cool, ausgeflippt und rotzfrech. Ein echter Kumpel eben, während an Maier das Image des Einzelgängers haftet. Maier war früher Maurer, Miller ist immer noch der Sohn von Hippies.

Woody und Jo Miller haben Bode und drei weitere Kinder in einem Blockhaus in New Hampshire aufgezogen, ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Heizung, mit dem Auto nicht erreichbar. Als Zweijähriger wurde Bode erstmals auf Skier gestellt, ging in seiner Kindheit und Jugend aber auch Snowboarden, spielte Tennis (Jugendmeister von New Hampshire), Fußball, Eishockey. Mit 14 Jahren wurde er von den Eltern ins Internat "Carrabasset Valley Ski Academy" in Maine am Fuße des Sugarloaf Mountain geschickt und die Entscheidung für die zwei Brettln war gefallen. Er kämpfte sich durch die US-Nachwuchskader und schließlich ins Weltcupteam.

Am 9. Dezember 2001 gewann Miller in Val d'Isere einen Riesentorlauf und damit sein erstes Weltcuprennen, bis dato hält er bei 19, allein sieben hat er in der am Sonntag zu Ende gehenden Saison eingefahren. Bei Olympia 2002 in Salt Lake City musste er sich noch mit den Silbermedaillen in Riesentorlauf und Kombination begnügen, bei der WM 2003 in St. Moritz holte er sich ebenso zwei Goldmedaillen (Riesentorlauf und Kombination) wie 2005 in Bormio (Super G und Abfahrt). Dazu kam 2003 Super-G-Silber. Was ihm noch fehlt, sind Goldmedaillen im Zeichen der Fünf Ringe. Turin 2006 wartet auf den momentan besten Skifahrer der Welt. (apa/red)

13.3.2005 13:44