Dienstag, 8. März 2005

Schon wieder: Neues Video zeigt Misshandlungen durch US-Soldaten im Irak

  • Trotzdem wahrscheinlich keine Anklage zu erwarten
  • Hochsicherheitstrakt in Abu Ghraib vor Auflösung

In den USA ist ein weiteres Video aufgetaucht, das Misshandlungen irakischer Gefangener durch US-Soldaten zeigt. Die Zeitung "Palm Beach Post" in Florida veröffentlichte am Montag die Aufnahmen mit Bildern von Soldaten, die einem schwer verletzten Gefangenen ins Gesicht treten. In einer anderen Szene nimmt ein Soldat den Arm eines erschossenen Lastwagenfahrers und winkt damit in die Kamera. Die USA überlegen unterdessen, das Abu Ghraib-Gefängnis bei Bagdad zu räumen.

Das Video wurde von Soldaten aufgenommen und zu einer DVD mit dem Titel "Ramadi Wahnsinn" verarbeitet, benannt nach der westlich von Bagdad gelegenen Stadt, in der die Soldaten nach dem Sturz Saddam Husseins im April 2003 ihren Stützpunkt hatten.

Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, es werde keine Anklage gegen die Soldaten aus dem Video geben. "Nach unseren Untersuchungen, geht es nicht bis zur Ebene krimineller Misshandlungen", sagte ein Sprecher des Ministeriums. Die Handlungen der Soldaten seien unangemessen, aber nicht strafbar. "Ich bin sicher, sie wurden für ihre Handlungen von ihrem Oberkommando abgemahnt", sagte der Sprecher. Ein Anwalt der US-Menschenrechtsorganisation ACLU sagte, es sei schwer zu verstehen, warum niemand zur Rechenschaft gezogen werde. Einige Szenen in dem Video seien tatsächlich unpassend, aber nicht strafbar. "Aber es gibt auch ganz schön viel Zeug darin, das strafbar zu sein scheint."

In dem Video sind auf dem Boden kriechende Gefangene zu sehen, die von Soldaten gefoltert werden. "Ich dachte, der Kerl stirbt schließlich. Wir waren nicht in Eile, einen Arzt zu rufen", sagt einer der Soldaten. Besonders grausame Szenen nach einem Selbstmordanschlag sowie rüde Wortwechsel der Soldaten wurden nach Angaben der Zeitung nicht ins Internet gestellt.

Mehrere britische und US-Soldaten wurden bereits wegen Misshandlungen von Häftlingen im Irak vor Gericht gestellt. Vor allem Fotos und Filmaufnahmen von Folterszenen im Abu-Ghraib-Gefängnis in Bagdad schockierten die Öffentlichkeit.

Hochsicherheitstrakt in Abu Ghraib vor Auflösung
Nach häufigen Angriffen Aufständischer auf das Abu-Ghraib-Gefängnis bei Bagdad erwägen die US-Streitkräfte offenbar die Verlegung von Häftlingen aus dem Hochsicherheitstrakt an einen anderen Ort. Das Gebäude könnte dann den irakischen Behörden zur Inhaftierung gewöhnlicher Krimineller zurückgegeben werden, sagte Oberstleutnant Barry Johnson am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Eine Entscheidung über die Räumung von Abu Ghraib sei aber noch nicht gefallen.

Das Gefängnis stand im vergangenen April im Mittelpunkt des Folterskandals, nachdem Fotos um die Welt gegangen waren, die US-Soldaten bei willkürlichen Misshandlungen irakischer Häftlinge zeigten. Seitdem war die Haftanstalt unweit des Flughafens von Bagdad häufig Ziel von Angriffen Aufständischer. Johnson zufolge gibt es dort zwei Gruppen von Häftlingen: Terrorverdächtige im Hochsicherheitstrakt, der von den US-Streitkräften kontrolliert wird, und gewöhnliche Kriminelle unter irakischer Aufsicht.

Die Zahl der von den USA bewachten Gefangenen ist zuletzt stark angestiegen, da insbesondere zum Zeitpunkt der irakischen Parlamentswahl am 30. Jänner massiv gegen Aufständische vorgegangen wurde. Zur Zeit befinden sich in Abu Ghraib insgesamt 3.200 Häftlinge - weit mehr als die 2.500, für die das Gefängnis ursprünglich konzipiert wurde. Allein in den zwei Wochen vor der Wahl wurden etwa 1.470 Männer inhaftiert. Im Monat Februar waren es fast 2.000, gut die Hälfte davon wurde unter US-Aufsicht gestellt. (apa)

8.3.2005 13:31