Letzte Kriegstage: Sowjets überschritten heute vor 50 Jahren Österreichs Grenze
- Grausame Nazi-Verbrechen hielten bis zum Schluss an
- Alliierte reichten sich am 8. Mai in Erlauf die Hände
·April 1945: Der Kampf um Wien
Rote Armee verkündete am 13. April die Befreiung
·Hinrichtungen vor Kriegsende in Wien
Widerständische Offiziere am 8. April 1945 gehenkt
·12.3.'45: Schwerster
Angriff auf Wien
Amerikanische Bomber trafen Oper & Burgtheater
·Auch Stephansdom wurde 1945 zerstört
Wiederaufbau dauerte sieben Jahre lang
·Info-Grafik: Alliierte 1945 in Österreich
Rote Armee kam von Osten, USA von Westen
·Info-Grafik: Rote Armee 1945 in Wien
Angriff auf Wien begann am 5. April 1945
"Wir sind über die große Linie." Nach monatelangen schweren Kämpfen gegen die Heeresgruppe Süd der Deutschen Wehrmacht konnte die 3. Ukrainische Front der Roten Armee heute vor 50 jahren, am 29. März 1945, einen weiteren historischen Erfolg melden: Exakt um 11.05 Uhr hatten die sowjetischen Truppen bei Klostermarienberg im heutigen Burgenland die Grenze des damaligen Deutschen Reiches überschritten. Erst einen Monat später, am 28. April, sollten die Westalliierten in Tirol Österreich betreten. Einen Tag zuvor hatten SPÖ, ÖVP und KPÖ im befreiten Wien die Unabhängigkeit des Landes erklärt.
Verantwortlich für den hart erkämpften Durchbruch an der Ostgrenze war Marshall Tolbuchin, der bereits die Einnahme von Sofia, Bukarest und Belgrad befehligt hatte. Wien sollte "nur" das nächste Etappenziel auf dem Weg zur vollständigen Niederwerfung des Deutschen Reiches sein. "Je näher Wien - desto näher Berlin, dem Ende des Krieges und dem Sieg!", lautete die Parole, die er den Rotarmisten für den entscheidenden Vorstoß aus Ungarn mitgab.
Wehrmacht gegen Rote Armee chancenlos
Zuvor hatte Hitler am 6. März die letzte Gegenoffensive der 6. SS-Panzerarmee zwischen Platten- und Velenczesee angeordnet. Die Operation "Frühlingserwachen" scheiterte kläglich. Zehn Tage später führte Tolbuchin den von Stalin befohlenen Gegenangriff; den deutschen Verbänden blieb nur mehr ein kaum geordneter Rückzug über die Grenze. Am 26. März schloss sich auch die 2. ukrainische Front nördlich der Donau dem Vormarsch nach Westen an - sie übernahm am 4. April Bratislava.
Grausame Nazi-Verbrechen noch in den letzten Tagen des Kriegs
In den Tagen vor dem sowjetischen Durchbruch wurden im Burgenland und der Steiermark noch unfassbare Verbrechen verübt. Für den Bau der großspurig "Südostwall" genannten Panzerabwehrstellungen hatten die Nazis Tausende ungarische Juden in das Burgenland und die Steiermark getrieben. Als sich der Ansturm der sowjetischen Truppen abzeichnete, massakrierten lokale NS-Größen, HJ-Führer und SS-Männer noch Hunderte von ihnen - etwa in Rechnitz oder Deutsch-Schützen. Tausende der bereits völlig Erschöpften wurden noch auf Todesmärsche in Richtung Mauthausen getrieben.
Letzter Widerstand
Am 1. April kassierten die Rotarmisten Eisenstadt. Ein weiterer Stoßtrupp keilte einen Tag später nach Gefechten in Mattersburg das zerbombte Wiener Neustadt ein. Die Verteidiger, eben erst ausgebildete Angehörige der Fahnenjunkerschule, setzten sich ab; die Bevölkerung flüchtete größtenteils in die umliegenden Wälder. Unterdessen waren weitere Sowjettruppen auf breiter Front in die Steiermark eingedrungen. Dort gelang es SS-Divisionen, entlang der Lafnitz und weiter südlich noch dauerhafte Abwehr zu leisten.
In Niederösterreich kam es entlang der March, im Weinviertel und südlich der Donau bis Ende April zu tagelangen schweren Gefechten. Mitte April erstarrte die Front nördlich der Donau etwa auf der Höhe von Mistelbach; das Interesse der Roten Armee verschob sich nach Norden. Südlich der Donau hatte Tolbuchin mit der Einnahme von St. Pölten am 16. April zunächst sein Ziel erreicht.
Zusammenbruch der "Alpenfestung"
Im Westen hatte am 28. April der Sturm auf die "Alpenfestung" begonnen - sie stellte sich letztlich als Schimäre heraus. Die 7. US-Armee drang bei Schönbichl in das Tiroler Außerfern ein und stieß am Fernpaß auf heftige Abwehr, es gab aber auch Unterstützung durch Einheimische. Der Vormarsch nach Innsbruck erfolgte über die Scharnitzer Klause. Am 1. Mai griff eine Infanterie-Division dort Wehrmachts- und HJ-Stellungen an. Nach zwei Stunden war der Spuk vorüber, die letzte Sperre vor dem Inntal und Innsbruck fiel am 3. Mai. Die NS-Gegner zeigten in Tirol im Vergleich zu Restösterreich starke Präsenz. Als die US-Truppen nach Innsbruck kamen, hatte der Widerstand, angeführt vom späteren Außenministers Karl Gruber, die Stadt bereits militärisch befreit.
Das 1. Französische Korps kam am 29. April nach Vorarlberg, am 1. Mai ging in Bregenz die NS-Herrschaft zu Ende. Am selben Tag erlebte Salzburg das letzte Bombardement der US Air Force. Drei Tage später rollten US-Panzer durch die Mozartstadt. Gauleiter Scheel hatte die kampflose Übergabe angeordnet, die nach heftigem Artilleriebeschuss auch eingehalten wurde.
Treffen der Alliierten in Erlauf
Schwieriger erschien den Amerikanern die Situation in Oberösterreich. In "Oberdonau", dem "Heimatgau" Hitlers, sollte nach dem Willen von Gauleiter Eigruber noch bis zum bitteren Ende gekämpft werden. Nach einigem Hin und Her erfolgte am 2. Mai dennoch - auch unter dem Druck der Bevölkerung - die kampflose Räumung Braunaus. Doch in Passau und Schärding erwartete die US-Truppen Gegenfeuer - wie in den folgenden Tagen auf dem Weg nach Linz waren es ohnmächtige Unterfangen. Nachdem sich Eigruber abgesetzt hatte, drangen US-Panzer am 5. Mai kampflos in die "Patenstadt des Führers" ein; Wels und Steyr wurden besetzt. Am 8. Mai war die alliierte Zange zwischen Ost und West geschlossen: US-Soldaten konnten im niederösterreichischen Erlauf Marshall Tolbuchin die Hände reichen.
US-Soldaten erreichten Mauthausen
Völlig geschockt wurden jene US-Soldaten, die am 5. Mai unvorbereitet auf das KZ in Mauthausen stießen, das nach der Flucht der SS bereits von Häftlingen übernommen worden war. Die US-Armee sah sich erst Tage später im Stande, das Lager mit 18.000 völlig ausgehungerten, zum Teil im Sterben liegenden Opfern des NS-Terrors zu übernehmen.
"Wettlauf" in Kärnten
Gänzlich anders als im restlichen Österreich entwickelte sich das Kriegsende in Kärnten. Partisanenverbände, die aus Jugoslawen und Kärntner Slowenen bestanden, hatten in Südkärnten schon seit 1943 bewaffneten Widerstand geleistet. Ihnen war es gelungen, mehrere NS-Einheiten zu binden und kriegswichtige Infrastruktur zu zerstören. Am 6. Mai sicherte Gauleiter Rainer aus Angst vor einem raschen Vorrücken der Partisanen - er hatte seit 1943 auch über Teile Sloweniens und Norditaliens geherrscht - der britischen Armee freien Einmarsch zu. Einen Tag später übergab er die Macht an eine provisorische Landesregierung und flüchtete.
Jugoslawischen Gebietsansprüche in Unterkärnten führten zu einem "Wettlauf" zwischen britischen und Verbänden der Partisanen sowie der jugoslawischen Armee nach Klagenfurt. Diesen entschied eine britische Vorhut am 8. Mai für sich, die aus Tarvis kommend wenige Stunden vor den Konkurrenten eintraf. Der neue jugoslawische Staat gab dem Druck der Alliierten schließlich nach und zog seine Truppen aus den Kleinstädten Südostkärntens ab, die teilweise schon am 7. Mai durch Partisanen befreit worden waren.
Der Zweite Weltkrieg ging in Europa am 9. Mai zu Ende - nachdem die Deutsche Wehrmacht völlig niedergekämpft kapituliert hatte. An diesem Tag besetzen die Sowjettruppen mit Graz die letzte große Stadt in Österreich.
(apa/red)
