Dienstag, 1. März 2005

Papst kann wieder sprechen: Heiliger Vater befindet sich auf Weg der Besserung

  • Kirchenoberhaupt vermutlich bis Ostern in der Klinik
  • Wettbüro: Schönborns Chancen auf Nachfolge sinken

Papst Johannes Paul II. kann nach seinem Lufröhrenschnitt wieder sprechen. Der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger sagte, der Papst habe auf Deutsch und Italienisch mit ihm gesprochen. Bei seinem kurzen Besuch in der Gemelli-Klinik in Rom, wo der Papst seit der vergangenen Woche behandelt wird, habe das Kirchenoberhaupt "sehr aufmerksam" gewirkt, berichtete der Präfekt der Glaubenskongregation. Bereits am Montag hatte der Vatikan mitgeteilt, dem 84-Jährigen gehe es besser. Er verlasse bereits täglich für mehrere Stunden das Bett und habe mit Atem- und Stimmübungen begonnen.

Der 84 Jahre alte Heilige Vater wird vermutlich bis Ostern im Spital bleiben, spekulierte die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera". Die Teilnahme an den anstrengenden Zeremonien der Osterwoche in knapp einem Monat könnte für den gesundheitlich angeschlagenen Papst zu anstrengend sein, berichtete die Tageszeitung. Hinzu sei eine mehrwöchige Rehabilitation notwendig, damit der Papst wieder sprechen könne.

Der Papst setzt laut "Corriere" seine Sprachübungen fort. Er müsse wieder atmen lernen und die Worte klar aussprechen. Auch das Schlucken müsse das Kirchenoberhaupt nach der Luftröhrenoperation erst wieder lernen. "Die Parkinson-Krankheit, an der der Heilige Vater leidet, erschwert den Rehabilitationsprozess", sagte die Hals-Ohren-Nasen-Ärztin Paola Calcagno.

Italienische Zeitungen spekulieren unterdessen, dass der Papst bereits beim kommenden Angelus-Gebet am Sonntag versuchen könnte, einige Worte auszusprechen. Experten raten jedoch zur Vorsicht. "Der Papst hätte nicht den Strapazen der vergangenen Wochen unterzogen werden sollen. Der erste Spitalaufenthalt war zu kurz. Der Angelus-Segen am 6. Februar vom Gemelli-Krankenhaus mit offenen Fenstern war unangebracht. Auch bei der Rückehr in den Vatikan hätte man umsichtiger sein sollen. Parkinson-Kranke sind schwach und neigen dazu, an Grippe zu erkranken", sagte der Neurologe Aroldo Rossi nach Angaben der Turiner Tageszeitung "La Stampa" (Dienstag-Ausgabe).

Italiener Tettamanzi Favorit für Papst-Wahl
Die Diskussion über den Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II. lässt auch das Interesse an Wetten auf seinen möglichen Nachfolger neu erwachen. Der irische Buchmacher Paddy Power nimmt seit drei Jahren Wetten auf den Ausgang der Papst-Wahl an. Favorit ist derzeit der Mailänder Erzbischof Kardinal Dionigi Tettamanzi, der mit einer Quote von 5:2 knapp vor dem nigerianischen Kardinal Francis Arinze (11:4) liegt. Beide gehörten schon Ende 2002 zu den Topfavoriten beim irischen Buchmacher. Die Quote des Wiener Erzbischofs Kardinal Christoph Schönborn hat sich mittlerweile von 8:1 auf 12:1 verschlechtert.

Schönborn an neunter Stelle
Schönborn liegt unter den aussichtsreichsten "Papabili" an neunter Stelle, gleichauf mit dem früheren Pariser Erzbischof Jean-Marie Lustiger, dem venezianischen Patriarchen Angelo Scola und dem argentinischen Oberhirten Jorge Mario Bergoglio. Vor dem Wiener Erzbischof liegen neben Tettamanzi und Arinze auch der honduranische Kardinal Oscar Maradiaga (5:1), der Florentiner Erzbischof Ennio Antonelli sowie der Kubaner Jaime Lucas Ortega y Alamino (jeweils 6:1). Es folgen der Präfekt der Glaubenskongregation und enge Vertraute von Johannes Paul II., Joseph Ratzinger (8:1), sowie Claudio Hummes (Brasilien) und Giacomo Biffi (Altbischof von Bologna) mit einer Quote von jeweils 10:1.

Biffi hatte vor drei Jahren noch gemeinsam mit Tettamanzi hinter Arinze die zweitbesten Quoten beim irischen Buchmacher. Schönborn folgte damals gemeinsam mit dem kolumbianischen Kardinal Dario Castrillon Hoyos an vierter Stelle. Hoyos (neue Quote 14:1) gehört ebenso zu den Absteigern wie der Präfekt der Bischofskongregation, Giovanni Batista Re (von 10:1 auf 14:1). Die beiden anderen Schwergewichte der derzeitigen Kurie, Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano (16:1) und der Präsident der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini (40:1), haben nur Außenseiterchancen.

Wie der britische Rundfunksender BBC schreibt, sind Wetten auf die Papstwahl mit großer Vorsicht zu genießen. Zwar ist die Zahl der Papstwähler mit höchstens 120 Kardinälen unter 80 Jahren überschaubar, sie tagen aber nach dem Tod des Papstes völlig abgeschirmt von der Öffentlichkeit im so genannten Konklave. Umfragewerte gibt es somit keine und die möglichen Kandidaten dürfen getreu dem Sprichwort "Wer als Papst ins Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus" auch keine Werbung für sich machen.

Der irische Buchmacher zeigt sich jedoch überzeugt davon, dass seine mit Hilfe von Kirchenexperten erstellten Quoten die realen Chancen gut widerspiegeln. "Wenn es irgendwelche Gerüchte gibt, wird das Geld zu fließen beginnen", sagte Power. Die Quoten würden je nach Veränderung der Ansätze ständig angepasst. Der Ire glaubt, dass sich auch katholische Geistliche am Wettangebot beteiligen werden. "Schließlich sind bei den Pferdewetten oft Priester zu sehen und sie setzen auch."
(apa/red)

1.3.2005 13:40