Sonntag, 6. März 2005

Giuliana Sgrena berichtet über Geiselhaft:
"Die Entführung hat mich verändert"

  • Journalistin beschreibt Drama in einem Zeitungsartikel
  • 'Es gab keine Sicherheiten, habe mich verletzlich gefühlt'

"Dieser Freitag war der dramatischste Tag in meinem Leben. Es waren so viele Tage vergangen, in denen ich entführt gewesen war. Ich habe erst kurz vorher mit meinen Entführern gesprochen", berichtete die italienische Journalistin Giuliana Sgrena. Zwar hätten sie ihr schon vor Tagen gesagt, dass sie freigelassen werden würde, aber dass es nach einem Monat Geiselhaft endlich so weit war, habe sie erst kurz zuvor erfahren. "'Kompliment', sagten sie zu mir, 'Du kannst jetzt nach Rom abreisen'."

In zwei Artikeln in ihrer kommunistischen Zeitung "Il Manifesto" beschreibt die 56-Jährige am Sonntag das Drama ihrer Entführung und ihrer Freilassung, nach der der italienische Geheimdienstagent Nicola Calipari auf dem Weg zum Flughafen in Bagdad von US-Soldaten erschossen wurde. "Meine Wahrheit" heißt die Überschrift eines der Artikel. Die Entführer, so erzählt sie, seien mit ihr im Auto gefahren. Sie habe eine Augenbinde getragen, zeitweise sei ein Hubschrauber in geringer Höhe über das Viertel geflogen. Dann hätten ihre Entführer sie allein gelassen.

"Ich habe nachgedacht. ... Was mache ich jetzt? Die Sekunden zählen, die mich von meinen neuen Zustand der Freiheit trennen?" Doch da habe sie bereits die Stimme des Geheimdienstagenten Calipari gehört: "Giuliana, Giuliana. Mach Dir keine Sorgen. Du bist frei.".Darauf habe der Mann ihr die Augenbinde abgenommen. "Der Monat, den ich als Entführte verlebte, hat wahrscheinlich meine Existenz für immer verändert", schreibt die Italienerin weiter. "Während der ersten Tage meiner Entführung habe ich nicht eine einzige Träne vergossen." Die Entführer schienen ihr Mitglieder einer sehr religiösen Gruppe zu sein, mehrmals täglich hätten sie gebetet.

Gleich zu Beginn ihrer Entführung habe sie gefragt, warum gerade sie, die gegen den Irak-Krieg sei, gekidnappt wurde. Doch die Entführer hätten ihr geantwortet, die Opposition gegen den Krieg könnte lediglich eine Täuschung sein. Abschließend schreibt Sgrena: "Ich habe in einer Enklave gelebt, in der es keine Sicherheiten mehr gab. Ich habe mich tief verletzlich gefühlt." (apa/red)

6.3.2005 17:52