Donnerstag, 3. März 2005

Riesiger Kinderschänder-Prozess in Frankreich: "Unaussprechliche Gewalt"

  • Opfer wie "Handelsware" an Pädophile vermietet
  • Psychologen: Die Kinder sind "seelisch zerstört"

66 Angeklagte, 45 junge Opfer, Inzest, Gruppensex und Zwangsprostitution: In Angers hat am Donnerstag der bisher größte Kinderschänderprozess in der französischen Justizgeschichte begonnen. Den 39 Männern und 27 Frauen aus einem sozial schwachen Viertel der westfranzösischen Stadt wird sexuelle Gewalt gegen fremde und eigene Kinder in mehreren hundert Fällen vorgeworfen.

Ihre Opfer, die zur Tatzeit zwischen sechs Monate und zwölf Jahre alt waren, erlebten nach Angaben von Psychologen "die Hölle" und vielfach eine "unaussprechliche Gewalt". Die Misshandlungen erstreckten sich auf die Zeit von Jänner 1999 bis Februar 2002. Die Kinder seien wie "Handelsware" an Pädophile vermietet und zu Sexpartys gezwungen worden, oftmals nur für eine Stange Zigaretten oder ein Nahrungsmittelpaket. Auch Mütter schreckten nicht davor zurück, eine aktive Rolle zu spielen, und Großeltern missbrauchten ihre Enkel.

Diese jahrelange brutale Gewalt habe die Kinder "seelisch zerstört", sagten Gerichtspsychiater schon vor Beginn der Verhandlung. Sie hätten jegliches Vertrauen in Erwachsene verloren, könnten kaum mehr essen und zeigten schwerste Verhaltensstörungen.

Täter aus unterster Gesellschaftsschicht
Opfer und Täter stammen aus einem sozialen Randmilieu mit hoher Kriminalität, mit Alkoholsucht, vielen Analphabeten und geistig Zurückgebliebenen. Die meisten der Täter leben von der Sozialhilfe und haben weder Beruf noch Ausbildung. Obwohl Sozialdienste sich um viele dieser Familien kümmerten und die Kinder auch in die Schule gingen, hat anscheinend jahrelang niemand etwas von den Vorgängen erfahren. Aufmerksam wurde die Justiz durch die Anzeige eines jungen Mädchens im Jänner 2002.

Wegen der entsetzlichen Taten werden die Gerichtsverhandlungen wahrscheinlich zum Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Die Anwälte der Opfer forderten allerdings die Teilnahme der Medien. Dieser Prozess müsse "einen kollektiven Elektroschock auslösen", sagte einer der Anwälte der Kinder, Alain Fouquet. Das Gericht dürfte dieser Forderung nach Medienberichten am Donnerstagnachmittag zustimmen.

Prozess wird vier Monate dauern
Am Donnerstag wurden vor Gericht zunächst die Personalien festgestellt. Erst in der kommenden Woche geht es um die eigentlichen Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft wird allein drei Tage benötigen, um die Anklageschrift zu verlesen.

Der Prozess soll vier Monate dauern. Den Hauptangeklagten droht lange, teilweise auch lebenslange Haft. Wer zur Höchststrafe verurteilt wird, kommt meist nach 20 Jahren frei. Das Urteil wird Ende Juni erwartet.
(apa/red)

3.3.2005 15:35