Donnerstag, 17. Februar 2005

Dirigent Marcello Viotti ist tot: Orchester-leiter erlitt mit 50 Jahren Schlaganfall

  • Erfolg zuletzt vor wenigen Tagen an der Staatsoper
  • War "Direttore musicale" des Teatro La Fenice

Der italienische Stardirigent Marcello Viotti ist tot. "Marcello hat seine Reise auf dieser Erde beendet. Er hat den Taktstock am Mittwoch um 20.00 Uhr zur Seite gelegt", schrieb sein Bruder Silvio am Donnerstag auf der Homepage des Künstlers. Der 50-jährige Dirigent hatte in der vergangenen Woche bei Proben zu Massenets "Manon" in München einen Schwächeanfall erlitten und war ins Koma gefallen. Viotti stand noch am 5. Februar in der Wiener Staatsoper bei der Premiere der konzertanten "Norma" mit Edita Gruberova am Pult.

Der am 29. Juni 1954 in Vallorbe in der französischen Schweiz geborene Italiener werde in seinen Heimatort Vallorbe überführt und dort beerdigt, teilte der Bayerische Rundfunk unter Berufung auf einen Sprecher der Familie Viotti mit. Der 50-Jährige war mit einer Geigerin verheiratet und hinterlässt drei Kinder. Viotti erlag einem Schlaganfall. Der Musikdirektor des Opernhauses La Fenice in Venedig und ehemalige Leiter des Münchner Rundfunkorchesters war wegen eines Blutgerinnsels an der Halsschlagader operiert worden. Danach hatte sich sein Zustand rapide verschlechtert, und sein Kreislauf musste künstlich in Gang gehalten werden.

Tiefe Bestürzung
Bestürzung herrschte in der Musikwelt über den Tod des Dirigenten. "Die Salzburger Festspiele trauern um einen ausgezeichneten Musiker und wunderbaren Menschen, mit dem wir noch so vieles gemeinsam geplant hatten", schrieb der Intendant der Salzburger Festspiele Peter Ruzicka. Auch der Präsident der Bregenzer Festspiele, Günter Rhomberg, trauert um den Dirigenten, der seit 1995 regelmäßig in Bregenz zu Gast war. "Mit Marcello Viotti haben die Bregenzer Festspiele nicht nur einen außergewöhnlichen Künstler verloren, sondern auch einen wunderbaren Freund, der die Identität der Festspiele stark mitgeprägt hat und dem Festival über viele Jahre hinweg stets eng verbunden war." Der Direktor der Wiener Staatsoper, Ioan Holender, würdigte Viotti als "absolute Ausnahmeerscheinung" in der Welt der Kunst und als "Dirigent ohne Feinde". Giorgio Segalini, künstlerischer Leiter der Oper La Fenice, sagte, es sei für das Theater "sehr schwer, sich eine Zukunft ohne ihn vorzustellen".

Gefragtester Dirigent
Viotti zählte zu den renommiertesten und gefragtesten Dirigenten weltweit, er galt als einer der profiliertesten Dirigenten italienischer Opern, obwohl seine große Liebe die französischen Oper des 19. Jahrhunderts war, und präsentierte auch geistliche Musik des 20. Jahrhunderts. Er gastierte regelmäßig an der Bastille-Oper in Paris, der Mailänder Scala oder der Metropolitan Opera in New York. An der Wiener Staatsoper stand Viotti seit seinem Debüt 1992 mit Donizettis "L'elisir d'amore" in fünfzehn Opernproduktionen am Pult, darunter die Premieren von "Hérodiade", "Le Prophète", "Roberto Devereux", "Roméo et Juliette" und zuletzt "Norma". Auch an den Staatsopern in München und Hamburg sowie an der Deutschen Oper Berlin dirigierte Viotti häufig. Außerdem nahm er an zahlreichen Festivals teil, etwa den Salzburger Festspielen oder in der Arena von Verona. Heuer hätte Viotti bei den Salzburger Festspielen "La Traviata", 2006 "Lucio Silla" dirigieren sollen.

Viotti war nicht nur in den Opernhäusern daheim, sondern dirigierte auch Konzerte. Sein Debüt am Pult der Wiener Philharmoniker gab er 1997 im Rahmen der Salzburger Mozartwoche. Im Vorjahr leitete Viotti auch Konzerte der Philharmoniker auf ihrer Asien-Tournee. Auch die Wiener Symphoniker spielten regelmäßig unter der Leitung des Publikumslieblings.

Viotti hatte als Teenager in Genf ein von Wolfgang Sawallisch geleitetes Konzert gehört und sofort seine Berufung zum Dirigenten erkannt. Zunächst studierte er in Lausanne Klavier, Gesang und Cello. Sein Dirigierdebüt gab er als Leiter eines Bläserensembles in Genf. Der 1982 gewonnene Erste Preis des Gino-Marinuzzi-Wettbewerbs in San Remo/Italien wurde zum Karrieresprungbrett: 1985 wurde Viotti Kapellmeister am Teatro Reggio in Turin, zwei Jahre später folgte die künstlerische Leitung an der Luzerner Oper.

In Deutschland war Marcello Viotti zunächst Generalmusikdirektor in Bremen, danach Chefdirigent des Symphonieorchesters des Saarländischen Rundfunks (1991-95) und ab 1998 bis 2004 Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters. Angesichts der geplanten Auflösung des Orchesters kündigte Viotti seinen Vertrag Ende November 2004 fristlos. Seit 2002 bekleidete Viotti das Amt eines Musikdirektors am venezianischen Opernhaus La Fenice, wo er im Dezember 2003 zwei Konzerte zur feierlichen Wiedereröffnung leitete.
(apa/red)

17.2.2005 14:40