Donnerstag, 10. Februar 2005

NEWS über "The Gates", Christos neues Projekt im Central Park: Flammen aus Gold

  • Zeichen für Schönheit: Künstlerpaar öffnet 7.500 Tore
  • Späktakulärstes Ereignis in der Geschichte des Parks

Dass noch keiner etwas mitgenommen und 80 Blocks südlich in der übel beleumdeten Canal Street zu Geld gemacht hat, wird in New York als Wunder angesehen. Die 300 Kilo schweren Stahlsockel sind für Profis so problemlos transportabel, wie der Central Park letztlich unbewachbar ist.

Aber das sich ankündigende Leuchten legt sich schon wie ein Zeichen der Schönheit und der Hoffnung über die Stadt. Und die wurde vor ein paar Jahren mit bis heute unabsehbaren Folgen von Feuergarben ganz anderer Art erhellt.

Goldener Fluss
15.000 Stück dieser Sockel säumen schon auf 37 Kilometern Länge die serpentinenartigen Gehwege zwischen der 59. und der 110. Straße, zwischen Midtown und Harlem. Still ist es hier um diese graue Tauwetterzeit. Dabei harrt der Park des spektakulärsten Ereignisses seiner 158-jährigen Geschichte: 75 Achtpersonenteams in rituellen Uniformen montieren an die Sockel je 12,7 Zentimeter dicke und 4,78 Meter hohe Stangen, die mit Querbalken zu Toren verbunden sind. Dort warten, noch eingerollt, Stoffbahnen der edelsten aller Farben: Safran leuchtet in unvergleichlichen Goldtönen. Am Samstag (12. Februar) sollen sich die 15.000 Fahnen dann zeitgleich und unter dem Jubel Hunderttausender in den Wind stürzen. "Ein goldener Fluss durch den Park", wie die Urheber des Wunders im NEWS-Interview postulieren. 16 Tage später wird alles dem Recycling überantwortet.

Wie ein Blockbuster
Christo (Vladimirov Javacheff) aus Bulgarien und Jeanne-Claude (Denat de Guillebon) aus Casablanca wurden am selben Tag vor 69 Jahren geboren. 1964 begannen sie als illegale Zuwanderer im fünften Stock eines liftlosen Gebäudes in SoHo eine beispiellose Parallelkarriere. Jetzt danken sie der Stadt mit der größten Installation, die New York seit dem 11. September 2001 erlebt hat.

21 Millionen Dollar kostet das Projekt - so viel wie ein Hollywood-Blockbuster. Die Christos nehmen dafür keinen Cent öffentlichen Geldes. "The Gates" muss sich selbst finanzieren, und deshalb zeichnet Christo, gestärkt durch rohen Knoblauch, täglich "17 bis 20 Stunden" an Projektskizzen. Die werden zu Preisen zwischen 30.000 und 600.000 Dollar auf den Markt geworfen. Schon 2004 lukrierte das Paar damit 15,1 Millionen Dollar. New Yorks Wirtschaft soll aus der Sache mit mindestens 80 Millionen Einnahmen aussteigen.

Schönheit für sich
"Wir schaffen Werke voller Schönheit - in erster Linie für uns selbst", sagen die beiden und verwandeln die Welt. Neun Inseln bei Miami wurden 1983 in Pink gefasst; zwei Täler in Kalifornien und Japan anno 1991 unter 3.100 Riesenschirmen verborgen; die Pariser Pont Neuf (1985) und der Berliner Reichstag (1995) verhüllt.

Die New Yorker aber zauderten lang: Das Projekt liegt seit 1979 auf diversen Tischen. Die Parkverwaltung wollte bis zuletzt lieber den Trump Tower eingewickelt sehen. Und noch heute bangt der gemeinnützige Verein "Bird Watchers" um die nervliche Balance der gefiederten Brüder, wenn die Stoffbahnen im Frühlingssturm knattern. Auch seien die öffentlichen Bedürfnisanstalten winters geschlossen, sodass Hunderttausende Kunstenthusiasten in existenzielle Bedrängnis gebracht würden.

Christo-Enthusiast Michael Bloomberg aber, New Yorks Bürgermeister seit 2002, erblickt in der Causa ein kommunales Bedürfnis, auch im Hinblick auf die Seelenlage der geprüften Bewohner. Seither montierten 1.100 Arbeiter in Queens die Gates aus Vinyl. Aus einer Containerstadt im Central Park kommandiert Chefingenieur Vince Davenport. Jahrelang hat er die Tore in seinem Garten getestet und durchwacht doch "schlaflose Nächte": 1991 wurde eine Frau von einem umgewehten Christo-Schirm zerquetscht. Ein Arbeiter in Japan geriet in eine Stromleitung.

Doch in diesen Tagen scheint es, als wäre New York von der Hoffnung selbst beschützt. Ein Schub, den auch Wien brauchen könnte: Die Christos zeigen ein Begehren nach Verhüllung der Flak-Türme aus der Nazi-Zeit. Und hier wäre verhüllen das Gegenteil von verdrängen. (NEWS 06/2005)

10.2.2005 10:23