Freitag, 11. Februar 2005

Die neuen Wettkaiser jubilieren: Im Web herrscht weiter Goldgräberstimmung

  • FORMAT: Trotz Fußball-Skandal geht es steil aufwärts
  • betandwin verzeichnet 150 Prozent Wachstum pro Jahr

Wenn am 6. März in Melbourne zum Saisonauftakt der Formel 1 der Grand Prix von Australien startet, wird auf Brust und Arm des Red-Bull-Racing-Piloten David Coulthard ein Stück Österreich prangen - beim Vorarlberger Christian Klien zusätzlich auch auf seinem Helm. Mit bis zu Tempo 300 über die Rennstrecke gejagt wird das Logo des neuen Formel-1-Sponsors betandwin Interactive Entertainment AG - eines Unternehmens, dessen Aktienkurs seit dem Auffliegen des Wettskandals im deutschen Profifußball eine raketenhafte Entwicklung verzeichnet: Das Papier hat seit dem spektakulären Geständnis des geschmierten Schiedsrichters Robert Hoyzer um satte 50 Prozent zugelegt.

Manfred Bodner, Gründer und Vorstand des auf Sportwetten und Kasinospiele im Internet spezialisierten Unternehmens, kann sein Glück kaum fassen: "Der Boom ist trotz oder gerade wegen des Skandals in Deutschland gigantisch. Wir sehen für die nächsten Jahre ein Wachstumspotenzial von jeweils bis zu 150 Prozent."

Die nackten Zahlen: betandwin hat den Umsatz aus Wett- und Kasinogeschäft im Vorjahr auf 855,7 Millionen mehr als verdoppelt: um 114 Prozent. Das reine Wettgeschäft legte gar um 123 Prozent zu.

Das erstaunliche Phänomen an der Story: Der Run auf die Anbieter von Sportwetten hält an, obwohl mittlerweile aus Deutschland immer massivere Indizien für Manipulationsversuche in den heimischen Fußball-Ligen auftauchen.

Auf dem Spiel steht nun die Zukunft einer atemberaubend wachsenden Branche, die im Vorjahr bereits Wettumsätze von 800 Millionen Euro verzeichnet hat.

Ein eindeutiger Trend setzt sich auch außerhalb der nun ins Gerede geratenden Sportwetter fort: Während der heimische Markt fürs klassische Glück bei Roulette oder Black Jack seit Jahren stagniert oder gar schrumpft, legt der Anteil des Automatenspiels zu, wovon etwa der Novomatic-Konzern des Pioniers Johann F. Graf profitiert.

Anhaltender Boom im Internet
Wirklich ungebrochen hält der Boom beim Zocken im Internet an. Nur ein Beispiel: Die von der Österreichischen Lotterien GmbH erst 2003 gegründete Internet-Glücksspielplattform win2day verzeichnete im Vorjahr ein Plus von 52 Prozent (siehe Kasten auf der rechten Seite). Um nicht den Anschluss zu verlieren, lässt Casinos-Austria-General Leo Wallner bereits prüfen, ob sich Livespiele aus Kasinos ins Internet übertragen lassen.

Als größter Gewinner des vor zwei Wochen aufgepoppten Schiedsrichterskandals in Deutschland erweist sich aber betandwin, mit 378 Millionen Umsatz bei Sportwetten im Vorjahr klar voran (der Wiener Konkurrent Interwetten brachte es auf 140 Millionen).

Was sich seit 27. Jänner, als der Hoyzer-Skandal in Deutschland ruchbar wurde, abspielt, erinnert das Vorstandsduo Manfred Bodner, 42, und Norbert Teufelberger, 39, an die besten Zeiten des Hypes rund um die New Economy: Das Gespann beförderte seine anfangs viel belächelte Geschäftsidee am 27. März 2000 an die Wiener Börse, wo Aktionäre 13,5 Euro pro Aktie hinblättern mussten.

Höhere Chef-Gagen statt Dividenden
Nach einem Höchstkurs von 30 stürzte das Papier bereits Ende 2002 auf unter drei Euro ab. Steuerschonend in Gibraltar registriert, glänzte der Laden zwar durch hohes Umsatzwachstum. Dividenden wurden aber nicht gezahlt - dafür gönnten sich Bodner & Teufelberger mit zuletzt je 630.000 Euro höhere Jahresgagen als etwa der Chef von Siemens Österreich.

Querelen um Michael Tojner, als Chef der Venture-Gesellschaft Global Equity Partners Vertreter des größten Einzelaktionärs und Chef des Aufsichtsrates, schienen in einen Sturzflug zu münden - schon drohte die feindliche Übernahme durch britische Konkurrenten.

Androsch ist größter Einzelaktionär
In dieser heiklen Phase trat Mitte 2003 ein Mann auf den Plan, der den Laden wieder in Schwung bringen sollte - und heute am meisten davon profitiert: der Industrielle und betandwin-Aktionär Hannes Androsch zog in den Aufsichtsrat ein, übernahm im September des Vorjahres auch den Vorsitz und ist seit dem Jahreswechsel mit 12,5 Prozent zudem größter Einzelaktionär. Vorstand Bodner: "Hannes Androsch unterstützt uns großartig. Das war in dieser Form nicht vorhersehbar."

Androsch, dessen Aktienpaket durch den Kurssprung bereits fast 60 Millionen Euro wert ist, gibt das Kompliment elegant zurück: "Es freut mich, dass ich dem Vorstand bei der strategischen Ausrichtung helfen konnte."

Die Frage, warum der Börsenwert eines Unternehmens, das vor weniger als fünf Jahren mit schlappen 600.000 Euro Startkapital, zehn Mitarbeitern und zwei Servern gestartet ist, nach einer akuten Schwächephase innerhalb von wenigen Tagen nun seinen Börsenwert auf beinahe eine halbe Milliarde Euro verdoppelt hat, quält nicht nur die Konkurrenz, sondern auch Finanzexperten.

Markt für Sportwetten explodiert
Für Norbert Teufelberger ist die Sache klar: "Das Segment Sportwetten ist der am schnellsten wachsende Markt überhaupt. Daher verstärken wir den Druck im Markt, solange die Neukundengewinnung so gut funktioniert." Was der Mann meint: Im Vorjahr zählte sein Unternehmen 259.403 aktive Wettkunden, um 180.511 mehr als 2003.

Noch weitaus offensiver malt sich Manfred Bodner ("Teufelberger spielt als Finanzvorstand Libero, ich bin eher ein Stürmer") die Zukunft aus: "Solange es in dieser Geschwindigkeit weitergeht, werden wir unser Wachstumstempo nicht reduzieren. Wir haben ein klares Ziel und wollen Nike der Branche werden."

Um dieses Ziel zu erreichen, werden die Aktionäre weiterhin auf Dividenden verzichten, denn die Company muss bei 856 Millionen Euro Jahresumsatz die gesamten Erlöse in die atemberaubende Expansion stecken. Bodner bestätigt: "Die Bilanz für 2004 wird ein ausgeglichenes Ergebnis ausweisen. Das ist mit dem Aufsichtsrat akkordiert."

Das Marketing macht's aus
Betandwin butterte im Vorjahr allein 25 Millionen Euro ins Marketing. Teufelberger: "Sicher ist, dass wir bis zur Fußballweltmeisterschaft 2006 in Kontinentaleuropa bleiben. Danach schauen wir in den asiatischen Markt und in Südamerika hinein, wo erste Sondierungen laufen."

Bodner ergänzt: "Wir haben jetzt eine kritische Größe erreicht und müssen beim Marketing darauf achten, bei allen Sportgroßereignissen wie WM oder Olympia präsent zu sein." Dazu nützt Bodner die Kontakte seines Aufsichtsrates und betandwin-Aktionärs der ersten Stunde, Harti Weirather. Der Ex-Skistar ist als Chef des auf Sportsponsoring spezialisierten Unternehmens Wenzel Weirather & Partners (WWP) seit Jahren in China präsent: betandwin sponsert heuer erstmals den Motorrad-Grand-Prix in Shanghai.

Die Gefahr einer feindlichen Übernahme durch britische Konkurrenten wie William Hill, Ladbrokes oder Coral Eurobet sei gering geworden. Manfred Bodner: "Vielleicht kommt es jetzt eher zu einer Heirat. Das kann unter Umständen relativ rasch einen Sinn machen."

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11.2.2005 08:42