Mittwoch, 9. Februar 2005

ÖBB starten aufgefettetes Abfertigungs- modell: Offerte bis zu 23 Monatsgehälter

  • 44.000 Eisenbahner erhalten Angebot für Ausscheiden
  • Offerte bis zu 23 Monatsentgelten stehen im Raum

Die ÖBB haben am Mittwoch ein neues Abfertigungsmodell gestartet. Unabhängig von der aktuellen Diskussion um eine Lockerung des Kündigungsschutzes der Eisenbahner will das Management jetzt mit einem "Golden Handshake" Mitarbeiter zum freiwilligen Austritt bewegen. Wenn ein ÖBB-ler noch im Februar freiwillig geht, erhält er demnach je nach Dienstzeit bis zu 23 Monatsentgelten. Danach wird die Abfertigung schrittweise gesenkt. Ein entsprechendes Angebot hat Personalchef Franz Nigl am Mittwoch an sämtliche 44.000 Eisenbahner ausgesandt.

Dass damit ein heftiger "Druck" auf die Mitarbeiter ausgeübt werde, weist ÖBB-Chef Martin Huber zurück. Das Angebot solle vielmehr ein "Ansporn" sein, sagte Huber im Gespräch mit der APA. Und Personalchef Nigl assistierte, dass er sich nicht als "Personalabbauer, sondern als Personalentwickler" sehe. Derzeit halten die ÖBB bei 43.067 Mitarbeitern (Stand 1.1.2005 ohne Beteiligungen). Bis 2010 soll der Personalstand auf 35.000 sinken.

Ohne Abfertigungsmodell hatten im Vorjahr knapp über 200 pragmatisierte Mitarbeiter freiwillig bei den ÖBB gekündigt. Das heurige Sonderangebot sollen nach Erwartungen Nigls "300 bis 500" annehmen. Pro Mitarbeiter rechnen die ÖBB mit einem Aufwand von rund 70.000 Euro - allerdings inklusive Lohnnebenkosten. Für den Mitarbeiter bleiben bei einem angenommenen Durchschnittsgehalt von 2.000 Euro als Abfertigung zwischen gut 16.000 Euro und knapp 54.000 Euro übrig.

Bahn hat "noch 8.000 Frühpensionierungen gut"
Neben Abfertigung will der ÖBB-Vorstand zum Abbau von über 50-jährigen Mitarbeitern auch weiterhin die Möglichkeit der Frühpensionierung ausschöpfen. ÖBB-Chef Martin Huber stellt sich dabei auch gegen die Regierung. In den vergangenen drei Jahren hätten wegen Alterspension, gesundheitlichen Gründen und auf Basis der spezifischen Frühpensionierungsbestimmungen für die Bahn in Summe 2.000 Mitarbeiter die ÖBB verlassen. Die Republik Österreich habe im selben Zeitraum 10.200 Mitarbeiter frühpensioniert. "Da hab ich noch 8.000 gut", sagte Huber im Gespräch mit der APA.

Dies habe er auch "den maßgeblichen Politikern schon gesagt". Die Politik habe das "zur Kenntnis genommen", so Huber. Klares Ziel der ÖBB sei es aber nach wie vor, so wenige Mitarbeiter wie möglich in Frühpension zu schicken.

Vier Monatsgehälter zusätzlich für vorzeitiges Ausscheiden
Konkret sieht das "Startmodell" vor, dass ein pragmatisierter ÖBB-Mitarbeiter nach zehn Jahren das 7-fache, nach 15 Jahren das 10-fache, nach 20 Jahren das 14-fache und nach 25 Jahren das 19-fache Monatsentgelt als Abfertigung erhält. Dazu kommt die "Sonderbonifikation", die vorsieht, dass ein Mitarbeiter, der bereits im Februar sich zum Ausscheiden entscheidet, vier Monatsentgelte zusätzlich erhält, im März sind es noch drei zusätzliche Zahlungen, im April nur mehr zwei und im Mai ein Monatsentgelt. Ab Juni gibt es dann nur mehr das "einfache" Angebot ohne Sonderprämie.

Das Abfertigungsangebot geht in brieflicher Form an alle ÖBB-Bediensteten. Allerdings meinen Huber und Nigl übereinstimmend, die Erfahrung mit derartigen Modellen habe gezeigt, dass fast nur unter 40-jährige davon Gebrauch machten - das sind derzeit etwa 10.000 Eisenbahner.

"Gute und sehr gute" Mitarbeiter sollen gehalten werden
Auch wenn ein ÖBB-ler gewillt ist, das Startmodell für sich in Anspruch zu nehmen, muss erst vom Unternehmen entschieden werden, ob man auf diesen Mitarbeiter verzichten könne. Ist dies nicht der Fall, wird das Angebot nicht gewährt. Nach Erfahrung wird das etwa bei 10 Prozent der Ansuchen der Fall sein. Darauf angesprochen, welche Bereiche in der ÖBB zu der Zielgruppe gehören, für die sich das Angebot lohnt, nannte Huber den Baubereich, die Verwaltung, Dachdecker, Schlosser, Maler, Installateure oder Chauffeure. Schwerer entbehrlich werden hingegen Lokführer, Fahrdienstleiter oder Verschieber sein.

Haberzettl nicht begeistert
Das Abfertigungsmodell werde zu einer "Überalterung" des Unternehmens führen, warnt Eisenbahner-Gewerkschaftschef Wilhelm Haberzettl im Gespräch mit der APA. "Das Problem ist, dass sich die ÖBB-Führung selbst in den Sack lügt und das ist ja fast erheiternd". Konkret bedeute das Abfertigungsmodell auch, dass "wir immer mehr in die teuerst mögliche Produktion gehen. Das halte ich für einen Wahnsinn und einen der größten Management-Fehler schlechthin".

Haberzettl verwies darauf, dass die ÖBB schon jetzt die teuerste Produktion und die teuersten Überstunden hätten. Dies werde durch ein derartiges Sonderabfertigungsangebot noch verstärkt. "Es wird ja kein einziger 45- oder 50jähriger das in Anspruch nehmen". Darüber hinaus bedeute das Angebot auch einen Schlag gegen die Mitarbeitermotivation: "Was da alles passiert, schaue ich mir mit größter Besorgnis an."
(apa)

9.2.2005 13:46