Lehrlingen fehlt die Qualifikation: Firmen
wünschen sich eine "Entpragmatisierung"
- Christoph Leitl: "Niemand soll auf der Straße stehen"
- Unternehmen kritisieren Arbeitsmoral & Lernbereitschaft
In der Diskussion um die angespannte Situation am heimischen Lehrstellenmarkt versucht der Präsident der Österreichischen Wirtschaftskammer, Christoph Leitl, heute zu beruhigen. Die Wirtschaft bildet derzeit 119.071 Lehrlinge aus, damit wurde das Niveau des Jahres 2003 in etwa gehalten. Bei den Lehrlingen im 1. Lehrjahr konnte ein Plus von 1,4 Prozent auf 35.938 Lehrlinge erreicht werden, so der WKÖ-Präsident am Dienstag.
"Niemand soll auf der Straße stehen", weil eine Verunsicherung der Eltern und Großeltern nicht am Platze sei, so Leitl. Der "Lehrlingsyeti", den Arbeiterkammer -Präsident Herbert Tumpel regelmäßig zu erspähen glaubt, verziehe sich im Frühling und im Sommer sei wieder alles Paletti.
Geht man nach der vom Österreichischen Wirtschaftsbund in Auftrag gegebenen Fessel-Gfk-Lehrlingsumfrage, stellen die Unternehmen den Lehrlingen kein gutes Zeugnis aus. Lehrlinge seien mehrheitlich schlecht qualifiziert und wenig engagiert. Daher sei es für die Unternehmen auch sehr schwierig, geeignete Lehrlinge zu finden, geht aus der heute von Leitl, Wirtschaftsbund-Gereralsekretär Karlheinz Kopf und Studienautor Peter Ulram vorgestellten Lehrlingsumfrage bei 500 österreichischen Betrieben hervor.
Kritik an Arbeitsmoral und Lernbereitschaft der Lehrlinge
Im Detail bezeichnen 74 Prozent der befragten Unternehmen die Suche nach geeigneten Lehrlingen als schwierig. Mehr als die Hälfte oder 55 Prozent klagen über mangelnde oder keine Qualifikation, für 20 Prozent ist die Auswahl zu klein, fast 30 Prozent kritisieren die Arbeitsmoral und die Lernbereitschaft der Lehrlinge und 5 Prozent bemängeln die Umgangsformen.
58 Prozent der Befragten hatten in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit eingestellten Lehrlingen, davon 70 Prozent mit mangelnder Lern- und Leistungsbereitschaft. In 66 Prozent gab es Probleme mit dem sozialen Verhalten. Fast die Hälfte der Befragten oder 47 Prozent orteten fehlende Eignung für den gewählten Beruf oder Rechenschwächen.
Trotzdem wollen 82 Prozent der Betriebe gleich viele oder mehr Lehrlinge wie bisher aufnehmen. Nur 13 Prozent der Befragten wollen weniger Lehrlinge und 5 Prozent keine Lehrlinge aufnehmen. Nach Meinung der befragten Unternehmen ist das Niveau der Lehrlinge in den letzten Jahren stark gesunken. 57 Prozent sprechen von einem stark gesunken Niveau, 34 Prozent bezeichnen es als unverändert und nur 7 Prozent sagen, dass Niveau sei eher gestiegen.
Entpragmatisierung der Lehrlinge gefordert
Um die Bereitschaft der Unternehmen, Lehrlinge einzustellen, zu erhöhen, fordert die Wirtschaft die "Entpragmatisierung" von Lehrlingen. Dabei soll die Auflösung von Lehrverträgen nach der Probezeit erleichtert werden, bei gleichzeitiger Einführung eines Auffangnetzes für betroffene Lehrlinge. Derzeit kann ein Lehrvertrag nur in gegenseitigem Einvernehmen vor einer Schlichtungsstelle gelöst werden. Nach Vorstellung der Wirtschaft sollte dies auch einseitig möglich sein. Weiters fordert der Wirtschaftsbund, eine Blockabwicklung des Berufsschulunterrichts und den Wegfall der Entgeltfortzahlung durch den Unternehmer für die Zeit des Berufsschulunterrichts.
Auf die Forderung von AK-Präsident Tumpel nach einem Lastenausgleich zwischen ausbildenden und nicht ausbildenden Betrieben verwies Leitl auf die Lehrlingsprämie von 1.000 Euro. Die dafür notwendigen Mitteln werden von allen bezahlt und an die ausgeschüttet, die Lehrlinge ausbilden.
(apa/red)
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