Sonntag, 6. Februar 2005

Zittern vor dem Stromausfall: Österreich braucht Investitionen ins Leitungsnetz!

  • Ohne neue Kraftwerke ist Versorgung nicht gesichert
  • FORMAT: Importe bringen Atomstrom nach Österreich

Als in der Nacht vom 3. auf 4. Jänner ein heftiger Sturm über Österreich fegte, schrillten in der Stromleitzentrale der Verbund-Netztochter APG die Alarmsirenen. Urplötzlich gingen 500 Megawatt (MW) Leistung aus den Windkraftanlagen im Nordosten des Landes ins Stromnetz, für die es zu dieser Zeit keinen Verbraucher gab. Um zu verhindern, dass der im Norden eingespeiste Strom die schwachen Nord-Süd-Leitungsverbindungen überlastet, mussten kalorische Kraftwerke in Südösterreich hochgefahren werden. Das Fazit von APG-Vorstand Heinz Kaupa im FORMAT aus dem Beinahe-Blackout: "Windkraftanlagen ersetzen derzeit keine kalorischen Kraftwerke, sondern verstärken aufgrund fehlender Netze sogar den Bedarf."

Wesentlich gravierender als unvorhergesehene Überschüsse werden sich mittelfristig aber die absehbaren Erzeugungsengpässe auf die Stromversorgung auswirken. TU-Professor Günther Brauner kommt in einer Studie über die Versorgungssicherheit Österreichs bis 2015 zu alarmierenden Ergebnissen: Österreich muss 2015 schlimmstenfalls 46 Prozent des Strombedarfs importieren (siehe Grafik oben). Selbst unter günstigen Rahmenbedingungen beträgt der Importbedarf 32 Prozent. Dabei war Österreich jahrzehntelang Nettoexporteur von Strom - seit vorigem Jahr wird hierzulande aber mehr verbraucht als erzeugt. Und die Schere geht dramatisch auseinander. Einerseits steigt der Verbrauch stärker als prognostiziert: Statt von eins bis 1,5 Prozent pro Jahr geht man jetzt von mindestens zwei Prozent aus. "In Oberösterreich lagen die Zuwächse in den letzten drei Jahren im Schnitt sogar bei vier Prozent - mit steigender Tendenz", sagt Energie-AG-OÖ-Chef Leo Windtner.

Andererseits sind Erzeugungsrückgänge programmiert. Brauner: "2015 haben 60 Prozent der thermischen Kraftwerke ihre Lebensdauergrenze von 35 Jahren erreicht." Außerdem sinkt durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie auch die Erzeugungskapazität bestehender Wasserkraftwerke. Angesichts der Vorlaufzeiten von zehn Jahren für Wasser- und acht Jahren für thermische Kraftwerke läuft der E-Wirtschaft die Zeit zum Gegensteuern davon. Verbund-Chef Hans Haider warnte schon im Vorjahr: "Wenn Österreich jetzt nicht handelt, drohen italienische Verhältnisse."

Importe bringen Atomstrom nach Österreich
Der steigende Importbedarf ist gleich mehrfach problematisch. Weil die Kernkraft in Europa ein Drittel des Strombedarfs deckt, stammt jede dritte importierte Kilowattstunde zwangsläufig aus nuklearer Erzeugung. Windtner: "Jeder Mehrimport ist zwangsläufig ein Mehrimport von Atomstrom." Der Stromfluss folgt nämlich physikalischen Gesetzen, eine Trennung nach Energieträgern ist unmöglich. Das betrifft auch Lieferungen, die im Austausch für heimischen Spitzenstrom aus Speicherkraftwerken aus dem Ausland kommen.

Weil die Versorger verpflichtet sind, ihren Kunden die Zusammensetzung der Stromlieferungen aufzulisten, und Österreichs Konsumenten besonders umweltsensibel sind, kommt es zu skurrilen Blüten: Heimische Versorger kaufen etwa bei norwegischen Wasserkrafterzeugern Zertifikate, die ihnen erlauben, den Kunden gegenüber höhere Wasserkraftanteile auszuweisen. Diese kosten bis zu zwei Euro pro Megawattstunde - immerhin sechs Prozent des reinen Energiepreises von derzeit rund 32 Euro pro Megawattstunde. Energie-OÖ-Chef Windtner: "Das ist eine Farce und nachhaltige Mittelverschwendung."

Allein schon deshalb, so der oberösterreichische Energieboss, müsse man alle umweltfreundlichen heimischen Stromkapazitäten ausbauen.

Preiserhöhung um 70 Prozent möglich
Tritt das Extremszenario ein, ist außerdem keineswegs sicher, dass Österreich auch tatsächlich genügend Strom zukaufen kann. Die Überalterung des kalorischen Kraftwerkparks ist nämlich ein europaweites Problem. Außerdem liegen die Preise in Regionen mit Erzeugungsdefiziten schon heute um mehr als zwei Drittel über dem europäischen Niveau. Kostet eine Megawattstunde in Österreich, Frankreich, Deutschland und Skandinavien etwa 32 Euro, so sind es in Italien 53 Euro und in den Benelux-Ländern knapp 40 Euro. So blüht etwa Stromkunden in Südösterreich eine Preissteigerung um 70 Prozent, wenn ein anderes energiewirtschaftliches Horrorszenario eintritt: Falls sich die Fertigstellung der 380-kV-Leitung in die Steiermark verzögert, könnte die Südregion bei drohenden Leitungsüberlastungen vom Rest Österreichs getrennt werden und müsste sich etwa mit Strom aus der Hochpreisregion Norditalien versorgen (siehe Kasten links).

Die Energiebranche wagt sich angesichts dieser Situation wieder mit größeren Kraftwerksprojekten an die Öffentlichkeit. Zu den größten Vorhaben zählen neben Erweiterungen bei Speicherkraftwerken zwei neue Gaskraftwerke in der Steiermark und Oberösterreich (siehe Grafik unten). Ohne politische Rückendeckung wollen die Versorger aber nicht tätig werden: Die Tiroler Tiwag hat in einem Optionenbericht eine Reihe von Kraftwerksvarianten aufgelistet, die Entscheidung darüber aber dem Land aufgebürdet. Ähnlich in Oberösterreich: Dort wird im Frühjahr eine Wasserkraft-Potenzialanalyse mit der schwarzgrünen Landesregierung verhandelt.

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6.2.2005 07:25