Samstag, 5. Februar 2005

Gemischte ÖSV-Gefühle nach verpasstem WM-Titel im Abfahrtslauf der Herren

  • Strobl zur Erwartungshaltung: "Sind keine Maschinen!"
  • US-Boys stürzten ÖSV-Stars vom WM-Abfahrtsthron

"Keine Frage, das war das Rennen, das wir gerne gewonnen hätten!" ÖSV-Alpinchef Hans Pum redete nach der Herren- Abfahrt nicht lange um den heißen Brei herum. Die "Super Bowl" des Alpinsports 2005 gehört den US-Amerikanern, und das schmerzt. Am wenigsten vielleicht noch Michael Walchhofer, der mit einem völlig desolaten Ski hinter Bode Miller und Daron Rahlves Bronze holte.

"Das ist mehr als ein großes Wunder", sah sich der entthronte Titelverteidiger deshalb auch als moralischer Sieger. Der Salzburger hatte schon ganz oben durch einen Stein die Kante seines rechten Skis auf Bindungslänge ruiniert. "Ich war nach diesem Malheur total frustriert, habe mir aber vorgenommen, bis zum Schluss zu kämpfen. Schön, dass sich das ausgezahlt hat", freute sich Walchhofer. Nur acht Zehntel Rückstand mit einem kaputten Ski seien eigentlich sogar "weltmeisterlich".
Schon die erste Analyse der WM-Abfahrt auf der "Stelvio" machte klar, dass die Österreicher mit ihren hohen Startnummern in den immer rippigeren Kurven Nachteile hatten. "Aber ob du mit Nummer drei oder 30 Weltmeister wirst, interessiert hinterher keinen", brachte es Fritz Strobl auf den Punkt und brach eine dicke Lanze für sich und seine ÖSV-Kollegen. "Vielleicht sind wir in Österreich schon zu erfolgsverwöhnt. Aber wir sind keine Maschinen."

Alpinchef Pum atmete trotz aller Enttäuschung tief durch, "denn ich dachte schon, wir gewinnen heute überhaupt nichts, so chancenlos waren die hinteren Nummern". Obwohl er nach Millers mittelmäßiger Fahrt im unteren Teil noch gehofft hatte, "denn das war nicht unbedingt das Beste von ihm". Miller und Rahlves müsse man selbstverständlich gratulieren. "Aber wie gesagt, in der Abfahrt tut eine Niederlage besonders weh."

Kumpels Miller und Rahlves stahlen Rot-Weiß-Rot die Show
Mit dem größten US-amerikanischen Abfahrts-Triumph der WM-Geschichte haben Bode Miller und Daron Rahlves am Samstag in Bormio die ÖSV-Asse in den Schatten gestellt. Erstmals seit 1997 ging bei einer WM Herren-Abfahrts-Gold nicht nach Österreich, stattdessen feierte das Team der US-Boys nach zwei Mal Olympia-Gold durch Billy Johnson (1984 in Sarajewo) und Tommy Moe (1994 in Lillehammer) nun auch das erste WM-Gold.

Miller stellte dabei eine weitere rekordverdächtige Marke auf: der spätere Sieger brauchte gerade einmal sieben Minuten zur Besichtigung der "Stelvio". Zum Vergleich: ÖSV-Bronze-Gewinner Michael Walchhofer verinnerlichte sich die WM-Piste eine volle Stunde lang.

Für Champion Miller war der große US-Triumph keine allzu große Überraschung. "Daron und ich sind die zwei Leute, die sich am besten auf den 'Tag X', den berühmten 'Winning shot' vorbereiten können", stellte der 27-Jährige fest. Ein Blick auf Millers Visitenkarte beweist das: 2003 in St. Moritz und nun 2005 in Bormio hat er Gold in der Kombination, im Riesentorlauf, im Super G und in der Abfahrt gesammelt - somit fehlt im lediglich noch der Slalom zu WM-Gold in sämtlichen Disziplinen! Die Chance dazu bietet sich bereits am kommenden Samstag.

Auch konditioneller Einbruch konnte Miller nicht stoppen
Im unteren Streckenabschnitt ging Bode dann richtiggehend "blau", im Ziel fasste er sich völlig erschöpft an die Oberschenkel. "Ich hatte keine Energie mehr in den Beinen." Seiner spektakulären, aber kraftraubenden Ein-Ski-Show gibt Miller dafür aber nicht die Schuld. "Ganz im Gegenteil, das zusätzliche Workout hat sich heute richtig ausgezahlt. Mein rechter Oberschenkel war ganz besonders kräftig und stark." Zu den Problemen der österreichischen Favoriten meinte Miller: "Es war eine Kombination aus Fehlern und falschen Startnummern." Die ÖSV-interne Quali bezeichnete der vierfache Weltmeister als "typischen Nachteil, wenn man so eine starke Mannschaft hat".

Kollege Rahlves hatte sich nach dem Rücktritt von Abfahrtsdominator Stephan Eberharter gute Chancen auf dessen Thronfolge gegeben. "Aber jetzt hat Bode die Kontrolle übernommen. Ich bin richtig stolz auf seine Leistungen in dieser Saison", streute Rahlves Rosen. Der Abfahrtssport stellt für Rahlves den "ultimativen Test in Sachen Taktik und Mut" dar. "Ich habe vor jedem Burschen Respekt, der Mut zum Risiko hat."

Für die beiden Kumpels Rahlves und Miller, die eine intensive Trainingsgemeinschaft bilden und auf der Europa-Tournee jeweils mit ihrem eigenen Wohnmobil unterwegs sind, hört sich die Freundschaft dieser Tage nur bei der American-Football-"Superbowl" in der Nacht von Sonntag auf Montag auf. Beim Duell der New England Patriots mit den Philadelphia Eagles drückt Miller den favorisierten Patriots die Daumen, Rahlves wird im USA-Haus in Bormio hingegen die Eagles anfeuern.

(apa/red)

5.2.2005 16:52