Fischler zieht im NEWS-Interview Bilanz: Das neue Leben des Ex-EU-Kommissars
- Bittere Erkenntnis: "Prophet gilt im eigenen Land nichts"
- Fischler im Ausland angesehener als in Österreich
Der Mann ist mehr als gefragt: etliche Vortragsreisen in den nächsten Monaten in die USA und kreuz und quer durch Europa, zwei Universitäts-Jobs, die er im Sommersemester antritt, sowie zwei europäische Regierungen, die sich Franz Fischler als "Spezialberater" geangelt haben. Keine Frage: Das "neue Leben" des ehemaligen EU-Agrarkommissars aus Österreich, Franz Fischler, ist turbulent. Bemerkenswert dabei: Das politische Schwergewicht aus Tirol scheint europa- und weltweit deutlich angesehener zu sein als bei der "offiziellen" Politik daheim.
Was die Republik Österreich bislang nicht zustande brachte, gelang Deutschland, präziser: Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Er würdigte Anfang Dezember den von der EU-Bühne abgetretenen Franz Fischler entsprechend, als dem die höchste Auszeichnung des deutschen Raiffeisenverbands überreicht wurde. Stoiber über Fischler: "Eine Lichtgestalt", dessen überragendes Werk noch lange in der EU nachhallen werde, der Weitsicht, Geradlinigkeit und Fleiß im "Haifischbecken Brüssel" geschickt eingesetzt habe. Fischler gab im Gespräch mit NEWS (siehe Interview nächste Seite) seine Rührung zu. Zumal ihn im Dezember in Brüssel zwar Europas Sozialdemokraten feierlich verabschiedeten, die eigenen christlich-sozialen Parteifreunde indes nicht.
Tod der Mutter trübte das Weihnachtsfest
Ein paar Wochen musste Fischler im November in Brüssel noch "nachdienen", ehe José Manuel Barroso, Benita Ferrero-Waldner und Co als neue Kommissionsmitglieder ihren Job antreten konnten. Dann erst gab es für ihn nach vielen Jahren den ersten wirklichen Urlaub mit Ehefrau Adelheid auf Bali. Der plötzliche Tod seiner Mutter, die noch stolz die Verabschiedung des "Buam" durch Tirols Landeshauptmann Herwig van Staa und die Schützen in Brüssel miterleben konnte, trübte dann Fischlers Weihnachtsfest aber massiv.
Dass für Fischler nach dem Ende seiner brillanten EU-Karriere in der österreichischen Politik offenbar keine Rolle verfügbar ist, erstaunt. Dabei wäre es vor fünf Jahren, 2000, als Wolfgang Schüssels "Wenderegierung" zum Missfallen des damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil antrat, fast so weit gewesen: Klestil bot Fischler den Kanzlersessel an, gemeinsam mit Hannes Androsch als dessen Vize in einer großen Koalition. Was für Fischler nie wirklich infrage kam. Österreich wird sich künftig wohl mit wertvollen Tipps des Ex-Kommissars begnügen müssen.
Fischler hofft auf besseres Verhältnis zur EU
Fischlers größtes Anliegen: die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber der EU deutlich zu verbessern. Sein Rat: Österreichs EU-Präsidentschaft 2006 auch zu nützen, um eine "Versöhnung" der Leute mit Europa herbeizuführen. Für gesamteuropäische Parteien (und nicht nur nationale) sorgen, damit Europabewusstsein geschaffen wird, sich die Bürger als Europäer fühlen können. Und nicht zuletzt die Bürger besser zu informieren, wofür die nach Brüssel gezahlten Gelder verwendet werden.
Ins "schwarze Pensionsloch" sei er nicht hineingefallen, "jedenfalls habe ich dieses Gefühl nicht, ich bin ausgelastet". Dennoch sehe er seine Karriere als aktiver Politiker beendet: "Ich wüsste nicht, wo ich was aktiv tun sollte." Die Frage, warum politische Kaliber Österreichs wie er selbst oder Erhard Busek, aber auch Ferdinand Lacina von der SPÖ und andere in der Innenpolitik unbeschäftigt blieben, kostet Fischler, der in zwei Wochen sein sechstes Ehrendoktorat bekommt (Universität Brünn), nur ein Lächeln. Freilich ein stummes, aber wissendes Lächeln.
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