"Ich wollte mit Jörg Haider gut arbeiten": Schüssel im NEWS-Exklusiv-Interview
- Kanzler über Glanz & Elend von 5 Jahren Schwarz-Blau
- Wolfgang Schüssel mit leiser Kritik an Jörg Haider
Seit nunmehr fünf Jahren wird Österreich von Schwarz-Blau reagiert. Nach der Regierungsbildung 2000 stellt die ÖVP mit Wolfgang Schüssel als drittstärkste Kraft im Land den Kanzler. Nach dem FP-interne Crash von Knittelfeld 2002, ruft Schüssel Neuwahlen aus, es folgt die Neuauflage der Koalition mit einer erstarkten ÖVP auf der einen und einer zertrümmerten FPÖ auf der anderen Seite. Wie beurteilt der Kanzler selbst die zurückliegenden fünf Jahre und die Erfolge und Misserfolge seiner beiden Kabinette.
NEWS: Herr Bundeskanzler, als Sie im Februar 2000 mit der FPÖ eine Regierung gebildet haben, hätten Sie damit gerechnet, fünf Jahre später noch immer im Kanzleramt zu sitzen?
Schüssel: Darüber habe ich nicht nachgedacht, sondern mich darauf konzentriert, mit all meinen Kräften gute Arbeit zu leisten. An den Gedanken, ob das nun einen Monat oder zehn Jahre dauert, habe ich keine Energie verschwendet.
NEWS: Zur Angelobung 2000 und noch viele Monate danach hat es Demonstrationen gegen Schwarz-Blau gegeben, teilweise echte Massenkundgebungen. Hat Sie das auch persönlich getroffen?
Schüssel: Ich will da gar nicht herumreden: Natürlich haben mich solche Proteste geschmerzt, auch wenn sie in anderen Ländern zum politischen Alltag gehören. Sie haben aber wenig bewirkt - außer dass sich manche fragen müssen, wogegen sie eigentlich demonstriert haben.
NEWS: Es bleiben genug Probleme. Die weiter hohe Arbeitslosigkeit, die weiter beschämende Ausstattung mancher Universitäten ...
Schüssel: Es stimmt: Wir haben heute zwar um 100.000 Arbeitsplätze mehr als vor fünf Jahren, aber leider auch mehr Arbeitslose - das ist ein Effekt von drei Jahren internationaler Flaute.
Aber wir tun viel dagegen: Wir verdoppeln etwa die Zahl der Infrastrukturinvestitionen, die Pyhrn-Autobahn ist fertig, der Semmering-Straßentunnel, der Koralm-Tunnel, die Westbahn wird saniert. Und noch nie wurden so viele Menschen umgeschult - derzeit 50.000 Arbeitslose. Und die Universitäten sind in die Freiheit entlassen, können mit ihren Ressourcen eigenverantwortlich umgehen.
NEWS: Keine Lösung gibt es auch noch in der Schuldebatte nach dem PISA-Bericht, aber ein interessantes Umdenken. Plötzlich ist sogar die ÖVP für die Ganztagsschule.
Schüssel: Auch die SPÖ und die Grünen müssen da von ideologischen Scheuklappen Abschied nehmen. Der entscheidende Punkt ist die Ausweitung des jetzigen Angebots: Wir wollen in allen Schulen für die Zehn- bis Vierzehnjährigen die Fünf-Tage-Woche und eine Nachmittagsbegleitung mit Unterrichtselementen. Aber das soll keine Zwangsbeglückung sein, wenn Schulgemeinschaften mit Zweidrittelmehrheiten das Gegenteil beschließen.
NEWS: Aber für die Regelschulen wird eine Ganztagesform mit integriertem Mittagessen beträchtlich mehr kosten.
Schüssel: Für mehr Betreuung werden die Eltern auch mehr zahlen müssen - so wie auch für unsere schon jetzt gültigen Förderungs- und Integrationsmodelle, da sind wir jetzt schon ein internationales Modellbeispiel.
NEWS: 2002 haben Sie die Wahl auch mit der Wunderwaffe Grasser gewonnen, die Sie der FPÖ entwunden haben. Hat sich Grasser nicht inzwischen abgenutzt?
Schüssel: Grasser ist weiter ein erstklassiger Finanzminister, ich habe da seit 16 Jahren genug Vergleichsmöglichkeiten. Man darf halt nicht vergessen, dass er erst 35 Jahre ist und eine der größten Begabungen in der Politik. Wenn jemand wie er als Junger als Shooting Star in die Politik einsteigt und so gut arbeitet, schießt man sich eben auf ihn ein, das ist in allen Demokratien der Welt so. Dann gibt es die Entwicklung zur Normalität - kein Shooting Star bleibt ewig oben. (red)

