Auschwitz-Gedenken: Appell von Kanzler Schüssel zur Achtung der Menschenrechte
- "Österreich muss Konsequenz immer bewusst werden"
- "Die Aufgabe des Erinnerns und Erzählens geht weiter"
·Auschwitz: Mölzer sorgt für Aufregung
"Republik Österreich hat keine Mitverantwortung"
·KZ Auschwitz wurde
vor 60 Jahren befreit
Politiker aus aller Welt bei Gedenkfeiern in Polen
·Auschwitz-Birkenau:
Eine Chronologie
Die BILDER: Furchtbare
Ereignisse im Zeit-Abriss
·Auschwitz: Die
NS-Lager-Geschichte
1940 ordnete Heinrich Himmler die Errichtung an
·Die Auschwitz-Lüge:
Ein Verbrechen
Bei Leugnung der NS-Ereignisse droht lange Haft
·Neue Erkenntnisse:
Das Lager Auschwitz
Mehr als eine Million Menschen wurden vergast
Anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee am 27. Jänner 1945 haben österreichische Politiker am Donnerstag zum Gedenken gemahnt. Die Erinnerung an diesen Tag sei auch "ein Auftrag, bei uns und in den internationalen Beziehungen all jene Institutionen zu stärken, die sich für die Achtung der Menschenrechte und die Würde des Einzelnen engagieren", sagte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) laut einer Aussendung. Auch Österreich müsse "die Konsequenzen dieser beispiellosen Verbrechen immer wieder bewusst machen".
In Anerkennung einer moralischen Mitverantwortung für das Leid, das Menschen durch den Nationalsozialismus zugefügt wurde, habe die Republik Österreich in den vergangenen Jahren zusätzliche, weit reichende Maßnahmen für die Opfer gesetzt, betonte Schüssel. Österreich sei auch aktives Mitglied der 20 Staaten umfassenden internationalen "Holocaust Task Force", in der das Land an der Entwicklung und Umsetzung von Programmen zu Erziehung, Erinnerung und Erforschung mitwirke.
Bundespräsident Heinz Fischer, der Österreich bei den Gedenkfeiern am Donnerstagnachmittag vertritt, hatte Auschwitz-Birkenau bereits am Mittwoch als "Symbol des Bösen schlechthin" bezeichnet. "Was immer unsere Gegensätze sein mögen - ein Zivilisationsbruch wie er durch Auschwitz symbolisiert wird, darf und wird sich nicht wiederholen", betonte der Bundespräsident laut einer Pressemitteilung.
Nach Ansicht von Vizekanzler Hubert Gorbach (F) gilt es, "verantwortungsvoll mit der Aufarbeitung dieses dunklen Fleckes unserer Geschichte umzugehen". Politiker trügen die Verantwortung, "jegliches Leugnen oder Verharmlosen des Holocaust auf das schärfste zu bekämpfen und strafrechtlich zu verfolgen", betonte Gorbach. "Wir müssen auch klar die Verantwortung dafür tragen, dass österreichische Bürger zu den Opfern, aber auch Tätern zu zählen sind."
Der freiheitliche Europaabgeordnete Andreas Mölzer sagte gegenüber der APA, er lehne die Auffassung ab, wonach das heutige Österreich eine Mitverantwortung für die Verbrechen in Auschwitz übernehmen müsse. Für die Verbrechen in Auschwitz seien Österreicher mitverantwortlich gewesen, "aber die heutige Republik Österreich hat keine Mitverantwortung zu tragen", betonte Mölzer.
SPÖ-Bundesgeschäftsführer Norbert Darabos bezeichnete die Aussagen Mölzers als "beschämend". Der Holocaust stelle eine Schuld dar. Diese Schuld sei nicht auf andere Menschen übertragbar, sagte Darabos; die Verantwortung aber, die aus dieser Schuld erwachse, sehr wohl. Aus der Sicht von Darabos ist eine Distanzierung seitens des Bundeskanzlers und der FPÖ-Spitze erforderlich.
Der SPÖ-Vorsitzende Alfred Gusenbauer betonte, gerade im heurigen Gedenkjahr müsse die Erinnerung an das Vernichtungslager Auschwitz als düsteres Symbol des Holocaust eine zentrale Rolle spielen. "Neben allen Jubiläumsfeiern und allem Grund zur Freude über die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik müssen die dunklen Seiten der Vergangenheit ihren angemessenen Platz einnehmen", meinte der SPÖ-Chef laut einer Aussendung.
"Auschwitz ist nicht Geschichte. Es ist noch da und wird immer da sein", erklärte der Grüne Bundessprecher Alexander Van der Bellen. Sechzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz sei die "Zeit gekommen, zu fragen, ob in uns und in unserer Gesellschaft auch heute noch die Keime stecken, die Auschwitz möglich gemacht haben".
Der Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg sagte im Radio-Morgenjournal des ORF, das Gedenken an Auschwitz sei ein Auftrag für die Zukunft und dürfe nicht zu einer Lethargie führen. "Es darf kein Todesurteil sein, soll uns anspornen zu versuchen, wieder lebendes Judentum hier aufzubauen", sagte Eisenberg.
Staatssekretär Franz Morak (V) hatte vor der UNO-Vollversammlung im Rahmen einer Sondersitzung zum Gedenken an die Befreiung der NS-Konzentrationslager am Montag "die moralische Mitverantwortung" Österreichs für den Holocaust betont. Österreich habe "lange gebraucht, sich einzugestehen, dass es nicht nur Opfer des Nationalsozialismus war, sondern dass auch Österreicher unter den Tätern waren und viele den Nationalsozialismus aktiv unterstützt oder zumindest gebilligt haben. Österreich muss sich daher seiner moralischen Mitverantwortung stellen", sagte Morak laut Redetext in New York. (apa)
