Freitag, 21. Jänner 2005

Bald AKW in Italien? Premier Berlusconi fordert Rücknahme des Atomkraft-Verbots!

  • Experten: Italien zu stark von Stromimporten abhängig
  • Gorbach: "Berlusconi auf dem falschen Energiepfad"

Die Front der Kernkraftbefürworter in Italien können mit einem prominenten Anhänger rechnen: Regierungschef Silvio Berlusconi. Der Ministerpräsident zeigte sich wegen der Stromversorgungsprobleme in Italien besorgt und sprach sich für eine Revision des Gesetzes, das im Land den Bau von Atomkraftwerken verbietet. Italien hatte 1987 per Volksabstimmung beschlossen, auf Atomstrom zu verzichten. Die bis dahin fertig gestellten vier Kernkraftwerke wurden stillgelegt. Laut Experten ist Italien wegen dieses Beschlusses zu stark von Stromimporten abhängig geworden. Über 20 Prozent des nationalen Bedarfs kommen überwiegend aus Frankreich, der Schweiz und Österreich.

Bei der Einweihung einer neuen Stromleitung zwischen Italien und der Schweiz sprach Berlusconi von einem "Überdenken" der italienischen Strompolitik und eine Überlegung über den Gebrauch von Atomenergie. Der Verzicht auf Nuklearenergie habe dem Land viel gekostet, meinte er. Seine Worte sorgten für lebhafte Debatten in Italien.

Gorbach: "Berlusconi auf dem falschen Energiepfad"
Scharfe Kritik hat Vizekanzler Hubert Gorbach (F) an der vom italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi erwogenen Revision des Gesetzes, das den Bau von Atomkraftwerken in Italien verbietet, geübt. "Gewinnmaximierung auf Kosten nachfolgender Generationen ist weder zukunftsorientiert noch verantwortungsvoll. Berlusconi ist definitiv auf dem falschen Energiepfad", befand der Infrastrukturminister in einer Aussendung am Freitag.

"Atomenergie birgt immer ein Restrisiko in sich, der Mensch hat diese Kraft nicht endgültig im Griff", betonte Gorbach. Als Nachbarland müssten "wir die beklagenswerten Bestrebungen Berlusconis besonders wachsam im Auge behalten und, wo immer es geht, dagegenwirken".

Grüne kämpferisch
"Wir werden uns von dem neuen Feldzug der Atomkraftbefürworter nicht einschüchtern lassen. Die Volksabstimmung über die Kernenergie hat Italien vor einer gefährlichen, veralteten und kostspieligen Energiepolitik gerettet. Diese Wahl hat immer noch die volle Zustimmung der Italiener", so der Sprecher der Grünen, Paolo Cento. "Die Kosten der Atomkraftwerke sind enorm und keine Gemeinde für den Bau solcher Anlagen erlauben. Es würde zu großen Protesten kommen", sagte der Physiker Massimo Scalia. Ex-Parlamentarier der Grünen nach Angaben der römischen Tageszeitung "Il Messaggero" (Freitag-Ausgabe).

Physiker versucht zu beruhigen
"Italien muss die Stromquellen diversifizieren, und die Atomkraft ist der Eckpfeiler eines soliden Stromversorgungssystems", betonte der italienische Physiker Tullio Regge. Ihm zufolge sollten die Atomkraftwerke in Stand gesetzt werden, die nach der Volksabstimmung gesperrt worden waren. Auf diese Weise könnte Italien über mindestens 3.000 Megawatt Strom mehr verfügen. "Um die Atomenergie ist aus politischen Gründen eine Debatte mit Katastrophenängsten genährt worden. Dabei sind die Fortschritte in der Sicherheit der modernen Stromkraftwerke enorm", sagte der Physiker.

"Sonnen- und Kernenergie die einzige Lösung"
Der italienische Physik-Nobelpreisträger Carlo Rubbia meinte, die einzige Lösung, um die Engpässe im Stromversorgungsbereich zu überwinden, sei die Förderung von Sonnen- und Kernenergie. Der Präsident des nationalen Verbands zur Förderung der Atomenergie, Ugo Spezia, meinte dagegen, die Zeit sei gekommen, um in Italien wieder die Debatte über die Kernkraftwerke in die Wege zu leiten. 20 Monate könnten genügen, um die Kraftwerke wieder in Gang zu setzen, die nach dem Referendum gesperrt wurden.

(apa/red)

21.1.2005 18:31