Mittwoch, 19. Jänner 2005

Parlamentstagung feiert den Widerstand: Republik würdigt Gegner des NS-Regimes

  • Fischer tritt für Rehabilitierung der Deserteure ein
  • PLUS: Alle Informationen zum Jubiläumsjahr 2005!

Die Republik Österreich hat zu Beginn des Jubiläumsjahres den Widerstand in Österreich in den Jahren der Nazi-Diktatur zwischen 1938 und 1945 gewürdigt. Bei der Tagung im Parlament, zu der das Renner-Institut der SPÖ und die Politische Akademie der ÖVP geladen hatten, waren neben Bundespräsident Heinz Fischer, Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) und Nationalratspräsident Andreas Khol (V) sowie der Zweiten Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (S), Vertretern der Bundesregierung und aller politischen Parteien auch ehemalige Widerstandskämpfer wie Fritz Molden oder Ludwig Steiner und auch der Ministerpräsident von Weißrussland, Jan Carnogursky, erschienen.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Khol betont, es gehe darum, dem "Widerstand einen gehörigen und würdigen Platz einzuräumen". Er hoffe, dass dies auch in den Schulen berücksichtigt werde. Khol gab zu bedenken, dass die "Mordmaschine der Nazis und von Mauthausen noch im Jänner vor 60 Jahren voll im Gang war". Die nationalsozialistischen Standgerichte "haben wahllos Menschen an Laternenpfählen aufgehängt". Gleichzeitig habe es aber auch "Hoffnung durch Widerstand" gegeben. Der Nationalratspräsident nannte dabei die Aktion Walküre, die Befreiungsaktion in Innsbruck ("Innsbruck wurde ja befreit übergeben") oder die Gruppe O5, wobei Khol in diesem Zusammenhang Fritz Molden herzlichst begrüßte.

Nicht genug Identifikation mit dem Widerstand
Man müsse aber auch in der Erinnerung sehen, dass "Widerstand nicht immer ohne Ambivalenz gesehen wurde". Aus seiner Zeit als Gymnasiast in Innsbruck habe er eine "beschämende Diskussion" über eine Gedenktafel für einen Widerstandskämpfers und Freund von Ludwig Steiner in Erinnerung. "Die Identifikation mit dem Widerstand hatte noch nicht jenes Ausmaß gehabt, das wünschenswert wäre." Dies betreffe auch den 20. Juli 1944, den Tag des Attentats auf Hitler. "Es hat lange gebraucht, bis wir die Bedeutung dieses Tages erkannt haben". Heute "würdigen wir unbefangen den tapferen Widerstand".

So habe Robert Bernardis "spät" ein Denkmal erhalten, "und auch Carl Szokoll wird am 6. April dieses Jahres durch eine Geste geehrt". So werde der Hof der Rossauerkaserne in Carl-Szokoll-Hof benannt. Khol erinnerte ferner daran, dass für viele Menschen in diesen schwierigen Jahren eine Frage das Recht auf Bruch des Fahneneids betroffen habe und andere das Recht zum Widerstand. Papst Leo XIII. habe hier geantwortet, "wenn staatliche Gesetze sich offen gegen göttliches Recht auflehnen, dann ist Widerstand Pflicht" und daran könne man sich festhalten.

Fischer für Rehabilitierung der Deserteure
Bundespräsident Heinz Fischer gab zu bedenken, dass sich "nicht wenige Widerstandskämpfer nach 1945 ausgegrenzt oder sich zumindest um eine Anerkennung ihrer Tätigkeit im Widerstand gebracht fühlten". Was die Gruppe der Deserteure aus der Hitler-Armee betrifft, "ist deren Verhalten und Motivation in einer extrem schwierigen Situation bis heute oft missverstanden oder verurteilt worden". Er halte die Forderung für berechtigt, trotz der so genannten Befreiungsamnestie von 1946 alle Urteile der Wehrmachtsjustiz und vergleichbarer Sondergerichte wegen Desertion, Wehrdienstverweigerung, Fahnenflucht oder Hochverrat durch einen Akt des Gesetzgebers aufzuheben.

Es gehe ja nicht um die Amnestierung eines begangenen Unrechts, "es geht um eine neue Sicht auf den Widerstand in der Hitler-Armee. Die einschlägige Gerichtsbarkeit der NS-Gerichte hatte eben mit Recht und Gerechtigkeit nichts zu tun". Der Krieg Hitlers sei ein "verbrecherischer Angriffskrieg gewesen und das Instrument dafür war die seinem Willen gehorchende Wehrmacht. Die Desertion aus der Hitler-Armee kann mit Desertion aus der Armee eines demokratischen Staates nicht verglichen werden", betonte das Staatsoberhaupt.

Es gehe jetzt auch darum, "nach den Menschen in den Jahren des Terrors zu forschen, die ihren Glauben an Österreich unter Gefahr ihres Lebens beibehalten und oft auch mit dem Leben bezahlt haben". Es dränge sich die Frage auf, warum viele Jahre verstreichen mussten, bis bestimmte Fragen im Zusammenhang mit dem militärischen und auch zivilen Widerstand richtig gestellt wurden und noch mehr Jahre, bis begonnen wurde, richtige und angemessen Antworten zu geben". Dabei mögen auch politischer Opportunismus und Gedankenlosigkeit eine Rolle gespielt haben, "aber darüber hinaus war offenbar der Übergang von der NS-Diktatur zur demokratischen Republik im Detail und im Einzelfall ein so plötzlicher, komplexer und schwieriges Ereignis, dass auch eine nachträgliche Beurteilung von hunderttausenden Einzelentscheidungen äußerst schwierig ist".

"Trennschärfe zwischen Gut und Böse"
Schüssel betonte, der "positive Beitrag des Widerstands ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung, auch für die heutige Zeit". Der Widerstand in der NS-Zeit sei einerseits vom Bewusstsein geprägt gewesen, auf das Gewissen zu hören und die "Trennschärfe zwischen Gut und Böse" wahrzunehmen und andererseits von "Tapferkeit, nicht nur Mut, sogar Tollkühnheit". Denn man setze ja die eigene Existenz und vielfach auch jene der Familie aufs Spiel. "Den Test gibt es nur im Ernstfall, ob man tatsächlich in so einer Situation standhalten kann".

Widerstand sei jedenfalls "kein Monopol einer Gruppe, keine Frage des Standes, keine Frage des Geschlechts und keine des Alters". Widerstand habe es von Kommunisten und Sozialdemokraten ebenso gegeben wie aus dem bürgerlichen Lager. Namentlich nannte er die Sozialdemokratin Käthe Leichter, die im KZ Ravensbrück ihre Aktionen mit dem Leben bezahlte, den VP-Gründer Johann Eidlitz, den Oberösterreichischen Mesner Franz Jägerstätter, den Dichter Jura Soyfer oder Schwester Restituta Helene Kafka. Es habe eine "unglaublich große Zahl von aktiven Widerstandskämpfern" gegeben, die nicht überlebt haben. 2.700 seien zum Tode verurteilt und ermordet worden, 30.000 in den KZs umgekommen.

Positiv sei gewesen, dass nach dem Zweiten Weltkrieg "nicht Rache und Hassgefühle" bei den Menschen vorhanden gewesen seien. Man habe vielmehr "bewusst versucht, das aufzuarbeiten und hat die Hand zur Versöhnung gereicht". (apa/red)

19.1.2005 11:28