Neuer Rekord bei Kirchenaustritten: Fast 45.000 Menschen verließen 2004 die Kirche
- Das "Groer-Jahr" 1995 wurde damit deutlich übertroffen
- Mehr als 5.100 Austritte alleine in der Diözese St. Pölten
Die katholische Kirche in Österreich musste im Vorjahr einen absoluten Rekord bei den Kirchenaustritten hinnehmen. Hauptursache dafür dürfte der Sex-Skandal im Priesterseminar St. Pölten sein, der im vergangenen Herbst zum Rücktritt von Bischof Kurt Krenn geführt hat. Denn alleine in St. Pölten kehrten 5.100 Menschen der katholischen Kirche den Rücken. Auch die vorläufigen Zahlen aus den anderen Diözesen ergeben bereits ein eindeutiges Bild: Mit 44.856 Austritten wird der bisherige Rekordwert vom "Groer-Jahr" 1995 deutlich übertroffen.
Im Burgenland beträgt der Zuwachs bei den Kirchenaustritten 40,7 Prozent, in Vorarlberg 39,5 Prozent. Ähnlich hoch sind die Werte in der Diözese Gurk-Klagenfurt mit plus 39 Prozent, in Salzburg mit 38,8 und in Graz-Seckau mit 38,3 Prozent. In Oberösterreich betrug der Anstieg 35,9 Prozent, in Innsbruck "nur" 18,3 Prozent. Aus der Erzdiözese Wien liegen erst die vorläufigen Austrittszahlen der ersten elf Monate vor. Im Vergleich zu selben Zeitraum im Jahr 2003 beträgt der Anstieg demnach 20,4 Prozent.
Mehr als 5.100 Austritte in der Diözese St. Pölten
Die Kirchenaustrittswelle nach dem Skandal um das Priesterseminar dürfte die Diözese St. Pölten besonders hart getroffen haben, meldete ORF NÖ Online am Dienstag. Nach vorläufigen Zahlen verließen demnach um 45 Prozent mehr Menschen als 2003 die Katholische Kirche. Mindestens 5.129 Menschen sollen ausgetreten sein. Das sei - trotz unvollständiger Zahlen - ein Rekordwert.
Laut Angaben der Kirche traten die meisten Menschen im März, August und im Dezember aus. Nach Auskunft von Generalvikar Leopold Schagerl gibt es noch keine offizielle Analyse der Diözese, warum so viele Menschen ausgetreten sind. Das werde erst passieren, wenn alle Daten vorliegen, berichtete das ORF Landesstudio. "Die Situation in unserer Diözese (gemeint sind die Affäre um das Priesterseminar und den Rücktritt Kurt Krenns, Anm.) im vergangenen Jahr ist ein wesentlicher Faktor, der die Zahlen mitbestimmt hat. Auf der anderen Seite kann man nicht alles an diesen Ereignissen festmachen", wird Schagerl zitiert. Es gebe eine "Verdünnung des Glaubens", der "die Menschen in ihrer Bereitschaft in der Kirche zu bleiben verunsichert".
Unterdessen meldete die Pfarre Paudorf in der Diözese St. Pölten am Dienstag weniger Kirchenaustritte für das vergangene Jahr. Die Zahl sei "um 33 Prozent auf 16 gesunken", teilte Pater Udo Fischer mit. Er hatte im Sommer im Zusammenhang mit der Affäre um das Priesterseminar eine Extraausgabe des Pfarrblattes herausgebracht und zum Bleiben aufgerufen. "Unsere Kirche ist die des Kardinals König, nicht die des Bischofs Krenn."
Sprecher der Erzdiözese Wien: Jeder einzelne Kirchenaustritt schmerzlich
Der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, Erich Leitenberger, stellte dazu fest, jeder einzelne Kirchenaustritt sei für die Kirche "schmerzlich". In den ersten sechs Monaten des Jahres 2004 war in der Erzdiözese Wien die Zahl der Kirchenaustritte noch zurückgegangen. Vermutlich sei die Zunahme auf die "kirchenpolitischen Turbulenzen in der zweiten Jahreshälfte zurückzuführen", so Leitenberger.
Graz: "Höchster Stand seit dem Zweiten Weltkrieg
Ein Sprecher der Diözese Graz bezeichnete den Vorjahreswert als "höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg". Die Monate mit den höchsten Austritten seien die Sommermonate im Gefolge der St. Pöltner-Priesterseminaraffäre gewesen, "da gibt es überhaupt nichts zu beschönigen", so der Sprecher zur APA.
Hohe Austrittszahl "vermutlich" mit St. Pölten zu tun
Für den Linzer Bischofsvikar Willi Vieböck hat die hohe Austrittszahl in Oberösterreich "vermutlich" auch mit den Turbulenzen in St. Pölten zu tun. Wenn sich Pfarren bei Ausgetretenen nach den Gründen für ihren Schritt erkundigten, hörten sie jedenfalls oft, das habe nichts mit der Pfarre zu tun: "Ihr seid ja in Ordnung." Aber zur Zufriedenheit mit dem Leben in der Pfarre komme andererseits eine große Unzufriedenheit mit anderen kirchlichen Entwicklungen oder Vorfällen sowie die Zahlungsverpflichtung beim Kirchenbeitrag, so Vieböck.
"Causa Groer": 1995 bisher Rekordjahr
Die zahlreichen Kirchenaustritte wirken sich auch finanziell aus: Als durchschnittliche Kirchenbeitragshöhe wird von der Kirche der Betrag von 70 Euro je Katholik und Jahr genannt. Das bisherige "Rekordjahr" bei den Kirchenaustritten war 1995. Damals haben mehr als 44.300 Katholiken nach dem Bekanntwerden der Causa Groer der Kirche den Rücken gekehrt. Seit damals hat die katholische Kirche in Österreich fast eine halbe Million Mitglieder verloren.
| Die Zahl der Kirchenaustritte im Detail: | |||
| Diözese | 2004 | 2003 | Zuwachs in Prozent |
| Eisenstadt | 871 | 619 | 40,7 |
| Feldkirch | 2.180 | 1.590 | 39,5 |
| Graz-Seckau | 8.347 | 6.034 | 38,3 |
| Gurk-Klagenfurt | 2.925 | 2.104 | 39,0 |
| Innsbruck | 3.015 | 2.548 | 18,3 |
| Linz | 8.028 | 5.904 | 35,9 |
| Salzburg | 4.267 | 3.074 | 38,8 |
| St.Pölten | k.a. | 3.524 | |
| Wien | 15.223* | 14.187 | |
| Gesamt | 44.856** | 39.584 | |
* Vorläufige Zahl von 1.1.-30.11.04
** Vorläufige Gesamtsumme
(apa/red)
