Dienstag, 4. Jänner 2005

Quälende Ungewissheit: Schicksal Tsunami

  • Das Leid der Flutopfer und ihrer Familien

Hoffen und Angst: Keine Katastrophe nach 1945 riss so viele Österreicher in den Tod. Aber viele Angehörige der Vermissten hoffen noch immer auf Lebenszeichen.

"Es ist“, schluchzt Alois Bösch, „ein Wunder.“ Es ist ein „Wunder“, dass er seine Tochter Lisa in den Armen halten darf. Es ist ein „Wunder“, dass er seine Frau Andrea gefunden hat. Es ist ein „Wunder“, dass die kleine Familie die Flutwelle in Thailand überlebte. „Es ist ein Wunder, dass wir nun alle wieder zuhause sind …“

Hoffen und Bangen. Stunden der Angst, des Hoffen, des Bangens, der Verzweiflung liegen hinter dem 41-jährigen kaufmännischen Angestellten aus Vorarlberg, „die schlimmsten Stunden meines Lebens“.

26. Dezember 2004: Es war kurz nach 9 Uhr früh, als die Böschs vor ihrem Hotel, einer Bungalowanlage am Traumstrand von Khao Lak, ihre Liegestühle unter einem Sonnenschirm platzierten. „Der Tag hat so wunderschön begonnen.“ Der Himmel so blau, die Luft so mild, das Meer so ruhig.

Und längst vergessen gewesen sind die kryptischen Warnungen einer Einheimischen, die am Abend davor Gäste des Klubs dazu aufgefordert hatte, das Gebiet zu verlassen: „Irgend etwas ist anders, irgend etwas stimmt nicht, das Wasser ist zu still – wir sollten schnell weg von hier …“

Paradies wurde zur Hölle. Am nächsten Morgen, um 10 Uhr, trat die Prophezeiung ein. „Die Sonne schien unverändert, kein Windhauch war zu spüren“, erinnert sich Alois Bösch, „aber plötzlich ging das Meer zurück“. Hunderte Meter in Richtung Horizont. „Und in der Ferne war diese dunkle Welle …“

In Panik lief die Familie los. Doch schon bald wurde sie von den Wassermassen eingeholt: „Irgendwie gelang es uns, auf das Dach eines Bungalows zu gelangen.“ Die reißenden Fluten drangen sogar bis dahin vor.

„Meine Frau war weg.“ Verzweifelt klammerte sich das Ehepaar an Verstrebungen, der Vater sein achtjähriges Kind im Arm. „Und dann musste ich zusehen, wie meine Frau von den Fluten fortgerissen wurde.“

Nur langsam lief das Wasser ab, Schlamm blieb zurück. Und da war nur noch dieses Bild von der totalen Zerstörung. Alois Bösch: „Mit letzter Kraft hielt ich meine Tochter fest, aber ich schaffte es nicht mehr, mit ihr von dem Haus hinunterzuklettern. Da sah ich unter mir diese Frau laufen, eine deutsche Urlauberin, die völlig unverletzt schien. Ich gab ihr mein Kind, bat sie, es auf einem nahe gelegenen Hügel in Sicherheit zu bringen – bis ich selbst dazu in der Lage wäre, dorthin zu kommen.“

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4.1.2005 16:51