Jelinek und Leon: Literatur ist weiblich
- Der virtuelle Dialog über Frausein & Schreiben

Elfreide Jelinek wurde nach dem Nobelpreis zum Popstar der Literatur. Im Ferndialog mit Donna Leon, Nummer 1 der Jahres-Charts, spricht sie über Frausein und Schreiben.
Der Spiegel, der zunächst mit blamablem Ergebnis versucht hatte, Elfriede Jelineks Nobelpreis herunterzuschreiben, kapitulierte vor einer Woche. Die Performance der Österreicherin sei Pop, las man da. Kult. Perfekt. Je konsequenter sie sich verweigerte, desto gegenwärtiger war sie. Die steinerne Nobelpreisrede, dreifach überlebensgroß auf der Videowand in Stockholm und einmal noch größer vor dem Burgtheater, wurde für ein paar Tage Weltkulturerbe. Als im Vorjahr der Südafrikaner J. M. Coetzee den Preis empfing, war der Welt noch nie so fad gewesen. Heuer diskutierte sie mit Leidenschaft über Elfriede Jelinek. Unfreiwillige Marketing-profis von Haider bis zum Osservatore Romano halfen sehr. Wir stellten der Nobelpreisträgerin und Donna Leon, Nummer eins der österreichischen Jahresbestsellerliste, dieselben Fragen.
Jelinek und Leon: Der virtuelle Dialog
Der Nobelpreis wurde zum Teil auf skandalösem Niveau kommentiert: Jelinek als Quotenfrau und frustrierte Feministin, der Preis als Politikum. Gibt es ein Maß an Erfolg, das für eine Frau unstatthaft ist?
Jelinek: Ich lasse diese Aussagen nicht an mich heran, ich versuche es zumindest, denn in Zitaten werden sie mir ja ein paar Tage später doch um die Ohren gehauen. Dann erschrecke ich immer. Es am eigenen Leibe zu erfahren ist dann doch etwas anderes, als sich literarisch damit auseinander zu setzen. Ich halte es nicht gut aus. Es war keine Quotenentscheidung, das hat man mir versichert. Aber trotzdem hat man als Frau immer das Gefühl, so einen Preis für alle anderen Frauen mit zu bekommen, also nicht als Subjekt, sondern als Mitglied einer immer noch unterdrückten Kaste. Eine Ablehnung des Preises käme für eine Frau also schon aus diesem Grund nicht infrage, aber das wäre für mich ohnehin nicht in Betracht gekommen. Es ist natürlich typisch, dass etliche Leute behaupten (wider die Begründung der Jury), es wären außerkünstlerische Gründe maßgeblich gewesen, und es bestätigt im Grunde nur mein Schreiben.
Leon: Was heißt frustrierte Feministin? Wenn Feminismus gleiches Recht für Männer und Frauen bedeutet, bin ich Feministin. Dann möchte ich gerne glauben, dass jeder Feminist ist. Aber die Männer betrachten den Feminismus als eine Art weiblichen Putsch zur Übernahme der Weltherrschaft. Ich glaube, Elfriede Jelinek, die ich in jeder Hinsicht schätze, muss all das ertragen, weil sie ein politischer Mensch ist. Vergegenwärtigen wir uns das Phänomen, dass Hillary Clinton mehr gehasst wird als Bill Clinton. Ich sehe ja keinen Grund, einen der beiden zu hassen. Aber sie hat dazu sicher weniger Anlass gegeben als er. Wenn eine Frau in eine Machtposition gelangt, öffnet sie sich einer Art von Angriffen, denen ein Mann nicht ausgesetzt wäre. Niemand würde je sagen: Was, ein Mann will Präsident werden? Bei Frau Jelinek kommt dazu, dass ihre Gegner den Preis für Österreich vereinnahmen wollen. Das ist eigentümlich, denn sie schreibt in einer Sprache, die sich drei Länder teilen.
Den kompletten virtuelle Dialog zwischen Elfriede Jelinek und Donna Leon lesen Sie im neuen NEWS
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