Mittwoch, 15. Dezember 2004

Studie sieht viele Billigflieger vor Pleite: Die Marktführer bleiben weiter souverän

  • Mercer: 2010 fliegt jeder dritte Passagier mit Billig-Airline
  • Kleine nationale Universalanbieter ist "überholt"

Billigflüge sind in, die so genannten Billigfluggesellschaften verzeichnen deutliche Zuwächse bei Passagierzahlen. Ryanair, easyJet, Air Berlin & Co, vor dem Jahr 2000 in Europa noch kaum präsent, erreichen heute bereits einen Marktanteil von 19 Prozent. Dieser Anteil wird weiter steigen: Im Jahr 2010 wird mindestens jeder dritte Passagier mit einer "low cost"-Airline reisen, geht aus einer aktuellen Studie von Mercer Management Consulting (MMC) hervor, die heute, Dienstag, veröffentlicht wurde. Während der Markt im Jahr 2000 mit zwölf Anbietern noch überschaubar war, gab es im Sommer 2004 schon 54 Billigflieger in Europa.

Parallel dazu hat auch eine Marktbereinigung bereits begonnen. Deutlich gestiegene Treibstoffpreise haben die Kosten für die "Billigflieger" mehr als zehn Prozent in die Höhe getrieben. "Dieser unerwartete Anstieg und die im Winter sehr niedrige Auslastung dürften so manchen Business Plan obsolet werden lassen", prophezeit Studienautor Dieter Schneiderbauer. Zahlreiche "low fare"-Anbieter dürften den Winter nicht überleben. V-Bird, Volare und Air Polonia mussten bereits aufgeben, Basiq Air wurde wieder in die niederländische Charter-Mutter Transavia eingegliedert. Für den Winter werden weitere Zusammenbrüche erwartet, wobei auch einige kleine nationale Fluggesellschaften und Regionalfluglinien bedroht sein dürften. Gewinner dieser Entwicklung sind die "Pioniere" Ryanair und easyJet, die den Markt künftig noch stärker dominieren dürften als bisher.

Chartergesellschaften am stärksten bedroht
Am stärksten bedroht vom Aufstieg der Billigflieger seien Charterfluggesellschaften, schätzt Mercer. Doch auch die großen Netzwerk-Airlines wie Lufthansa, Air France/KLM und British Airways müssen auf den Billig-Wettbewerb reagieren. Sie müssen sich stärker über ihr hochwertiges Angebot positionieren und gleichzeitig die Kosten im Griff behalten. Kleinere europäische Airlines - wie die österreichische Austrian Airlines-Gruppe - haben laut Studie nur als "kostengünstige Partner der großen Allianzen eine Zukunft" - auf dezentralen Strecken oder als Zubringer zu den großen Flugverkehrsdrehscheiben. "Viele werden ihre Eigenständigkeit verlieren oder vom Markt verschwinden", heißt es in der Studie.

Der weltweite Branchenverbands IATA schätzt, dass Fluggesellschaften in diesem Jahr gemeinsam einen Verlust von etwa fünf Mrd. US-Dollar (3,8 Mrd. Euro) Verlust machen. Damit summieren sich die Verluste der Fluggesellschaften seit dem 11. September 2001 auf mehr als 25 Mrd. Dollar. Nur wenige Fluggesellschaften konnten seit damals nachhaltig Gewinne erwirtschaften. Dazu gehörten vor allem Low Cost-Airlines.

2010 nur noch drei bis vier Billig-Flieger
Die Krise der traditionellen Luftfahrt und vermeintlich gute Erfolgsaussichten des Low-Cost-Modells hätten wie ein "Brutkasten" für neue Billigflieger gewirkt, meint Schneiderbauer. Doch die starke Konkurrenz macht mittlerweile auch Ryanair und easyJet zu schaffen, die gemeinsam mehr als die Hälfte des Marktsegments auf sich vereinen. Bisher profitierten sie von ihrem Zeitvorsprung und von der konsequenten Umsetzung des Prinzips, auf alle unnötigen Dienstleistungen ("no frills") und damit Kosten zu verzichten. Der verschärfte Wettbewerb hat auch die Ticketpreise der Marktführer seit 2000 um rund 20 Prozent sinken lassen. Mercer bescheinigt Ryanair eine "herausragende Kostenposition": Auch bei einem durchschnittlichen Ticketpreis von 40 Euro sei noch eine Umsatzrendite von über 20 Prozent möglich. Im Schnitt fallen pro Sitzplatz Kosten zwischen 80 und 90 Euro an, auch wenn die Tickets um 29, 19 oder sogar neun Euro auf den Markt geworfen werden. "Das kann auf Dauer nicht gut gehen", so Schneiderbauer. Im Jahr 2010 werde das Marktsegment von drei bis vier großen Low Cost-Airlines dominiert werden.

Insbesondere die von Reiseketten unabhängigen Charter-Airlines werden unter Druck geraten und entweder vom Markt verschwinden oder sich - wie Air Berlin - zum echten Billiganbieter zu wandeln. Die großen "Network-Anbieter" dürften sich zunehmend auf ihre Netzwerke konzentrieren. Ein dichtes europäisches Liniennetz und ein hoher Anteil ertragreicher Interkontinental-Flüge mache sie weniger anfällig gegen Angriffe von Billig-Konkurrenten.

AUA, Alitalia oder Swiss könnten zerrieben werden
Kleineren Gesellschaften - neben der AUA auch Alitalia oder Swiss - drohe die Gefahr, zwischen den großen Network-Carriern und den Billig-Airlines im Verdrängungswettbewerb zerrieben zu werden. Mercer verweist auf das Beispiel der australischen Ansett, die sich zwar gegen die dominierenden Qantas behaupten konnte, aber bald nach dem Marktauftritt von Virgin Blue den Betrieb einstellen musste. Angesichts weltweiter Überkapazitäten von 30 Prozent müssten kleinere Carrier außer Kosteneinsparungen auch strategische Neuausrichtungen suchen. "Sie müssen ihre Kosten radikal reduzieren und sich gleichzeitig als Partner für dezentrale Strecken und Hub-Zubringer in eine Allianz integrieren", so Schneiderbauer, der das Modell kleinerer "Allround-Anbieter" für überholt hält. (apa)

15.12.2004 08:52