Mittwoch, 8. Dezember 2004

Nach Misshandlungen: Deutsche Justiz weitet Ermittlungen auf schon 18 Fälle aus

  • Wehrpflichitge mit Schwachstrom und Schlägen gequält
  • Mehrheit der Deutschen für Abschaffung der Wehrpflicht

Nach den Misshandlungen von Soldaten in Coesfeld (deutsches Bundesland Nordrhein-Westfalen) hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ausgeweitet. Mittlerweile werde in 18 Fällen ermittelt. Drei neue Fälle sind dokumentiert, bei denen Soldaten entwürdigend behandelt worden sind, bestätigte am Mittwochabend ein Sprecher in Berlin.

Die Bandbreite reicht von Übungen zur Gefangen- und Geiselnahme, Schein-Hinrichtungen bis hin zu einem Fall, wo Rekurten mit einem Elektroband für Hunde traktiert wurden. Eine weitere Übung: Gefesselt werden und diese Fesseln binnen drei Minuten lösen. In Coesfeld wurden Wehrpflichitge mit Schwachstrom und Schlägen malträtiert.

Misshandlungen angeordnet?
Unterdessen äußerte sich Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) zurückhaltend zu Vorwürfen, nach denen die Misshandlungen in Coesfeld von Vorgesetzten angeordnet worden seien. Ein beschuldigter Ausbilder hatte am Montag gesagt, die umstrittenen Übungen seien von Zugführern angeordnet worden. "Ich weiß nicht, ob diese Behauptung stimmt, die der Ausbilder dort öffentlich erhoben hat", sagte Struck im Bayerischen Rundfunk. Er habe angeordnet, dass allen Vorwürfen nachgegangen werde. Schweer betonte, gegen die von dem Ausbilder beschuldigten Zugführer werde bereits ermittelt.

Der Ausbilder hatte dem Magazin "Report Mainz" des Südwestrundfunks unter anderem gesagt, die fingierten Geiselnahmen seien von Vorgesetzten "akribisch vorbereitet" worden. Vielen Beschuldigten sei nicht bewusst gewesen, gegen Vorschriften verstoßen zu haben.

Struck will Frauenanteil in der Bundeswehr anheben
Struck sprach sich zudem dafür aus, den Frauenanteil in der Bundeswehr von derzeit knapp fünf auf zehn Prozent anzuheben. Die Leistungsfähigkeit der Frauen sei uneingeschränkt mit der von Männern vergleichbar. Psychisch seien sie sogar oft gefestigter als ihre männlichen Kameraden, sagte Struck dem Magazin "Stern". "Vielleicht müssen wir uns dann nicht mehr mit solchen Bildern auseinander setzen, wie wir sie jüngst aus Coesfeld gesehen haben." Zugleich forderte er eine Debatte über die neue Rolle der Bundeswehr. Derzeit würden 35.000 Soldaten als Eingreifkräfte für friedenserzwingende Operationen nach einem UNO-Mandat aufgestellt.

49 Prozent der Deutschen wollen Wehrpflicht abschaffen
Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Forsa-Umfrage im Auftrag des "Stern" sprachen sich 49 Prozent der Deutschen dafür aus, die Wehrpflicht beizubehalten. 46 Prozent wollten dagegen die Wehrpflicht abschaffen und die Bundeswehr in eine Berufsarmee umwandeln.(apa/red)

8.12.2004 21:16