Ernährung sichern: Peking plant Massen-anbau von gentechnisch verändertem Reis
- Experten streiten über mögliche Langzeitfolgen
- Fiasko um Gen-Tabak ist noch in den Hinterköpfen
Während gentechnisch veränderte Lebensmittel weltweit auf Vorbehalte der Konsumenten stoßen, werden hunderte Millionen Chinesen demnächst womöglich vor vollendete Tatsachen gestellt. Schon im nächsten Jahr könnte die Regierung in Peking Gen-Reis auf breiter Basis einführen, um die Ernährung des weiter wachsenden Milliardenvolks zu sichern.
Was Befürworter und Behörden als Fortschritt preisen, sehen Gegner skeptisch: Dem Reis wurde ein Insektengift produzierendes Gen eingesetzt, dessen Folgewirkungen für Mensch und Umwelt nicht abzusehen seien.
Seit Ende der neunziger Jahre hat China für die Erforschung von Genpflanzen viel Geld ausgegeben. Vor sechs Jahren wurde dort bereits die so genannte BT-Baumwolle eingeführt, die mittlerweile auf mehr als der Hälfte aller Baumwollfelder wächst. Der Pflanze wurde ein Gen eingesetzt, das das so genannte BT-Toxin produziert - ein Protein, das die Darmwand von Insekten zerstört. In ähnlicher Weise sollen nun auch Reispflanzen gegen Schädlinge resistent gemacht werden.
Weniger Pflanzenschutzmittel nötig
Befürworter hoffen so auf eine Ertragssteigerung des chinesischen Grundnahrungsmittels schlechthin. Denn Flächenknappheit und sinkende Grundwasserpegel erschweren in vielen Teilen des Landes den Anbau. Außerdem könnten durch den Anbau von Gen-Reis weniger Pflanzenschutzmittel verwendet werden - und das schone nicht nur die Umwelt, sondern auch die Menschen.
Effektiv gegen Schädlinge
Die Erfahrungen seien "positiv", sagt Zhu Zhen, Professor am Institut für Biologie und Genforschung der chinesischen Akademie der Wissenschaften. Untersuchungen an verschiedenen Reissorten hätten ergeben, dass der Gen-Reis "besonders effektiv" gegen die Hauptschädlinge - Schmetterlinge und Nachtfalter - sei.
Tiere sterben nach dem Reisverzehr
Vorsichtiger bewertet Xue Dayuan den Gen-Reis. Bisherige Versuche zu möglichen Folgeschäden seien nicht ausreichend, kritisiert der Professor am Wissenschafts- und Umweltzentrum in ostchinesischen Nangking. So stürben Insekten nach dem Verzehr der gentechnisch manipulierten Pflanzen. "Aber man weiß nichts über die Auswirkungen auf andere Arten." Versuche an Ratten hätten zwar ergeben, dass die Tiere nach dem Verzehr keine Schäden davontrugen, doch seien sie mit einer Dauer von nur drei Monaten für verlässliche Aussagen zu kurz angesetzt worden.
Sollte Peking grünes Licht geben, "könnte alles sehr schnell gehen", befürchet Sze Pang Cheung von der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Peking. Die flächendeckende Einführung gentechnisch veränderter Lebensmittel sei eine "Zeitbombe" mit unvorhersehbaren Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit. Schon nach der Einführung der BT-Baumwolle 1998 in zwei Provinzen des Landes habe es keine Möglichkeit gegeben, die weitere Verbreitung zu stoppen.
Höchstwahrscheinlich Einführung in kommendem Jahr
Dessen ungeachtet setzt Peking offenbar ganz auf Gentechnik. Der veränderte Reis werde in China "höchstwahrscheinlich" im kommenden Jahr eingeführt, sagt Wissenschafter Xue. "Das Landwirtschaftsministerium wird demnächst eine Sitzung des Komitees für Biosicherheit zum Thema Gen-Reis einberufen."
Die Interessen der Regierung liegen auf der Hand. Schließlich müssen die hohen Forschungskosten wieder eingespielt werden. Nicht zuletzt aber haben einige Kader selbst kommerzielle Interessen. "Ein Wissenschafter, der Mitglied im genehmigenden Komitee ist, will selbst eine Handelslizenz für den Gen-Reis haben", kritisiert Umweltschützer Sze.
Eins wollen Regierung und Gen-Lobbyisten um jeden Preis vermeiden: Negativ-Schlagzeilen. Zu deutlich könnte vielen von ihnen noch das Fiasko um gentechnisch veränderten Tabak Anfang der neunziger Jahre in Erinnerung sein. Damals brach Peking entsprechende Versuche ab, weil der Zigarettenhersteller Philip Morris seine Bestellungen absagte. Grund: Der Tabakmulti befürchtete ein schlechtes Image in der Öffentlichkeit. Diesmal ist die Situation eine andere, denn China exportiert nur ein Prozent seiner Reisproduktion. Der eigenen Bevölkerung aber könnten die Behörden leichter verheimlichen, wie der Reis in ihren Schalen zu Stande kam. (apa)
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