Donnerstag, 9. Dezember 2004

Ministerin Elisabeth Gehrer im Nationalrat unter schwerem Oppositionsbeschuss

  • SP-Lehrer für 10-jährige Schulpflicht für alle ab fünf
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Mit scharfen Angriffen von SP-Chef Alfred Gusenbauer ist Donnerstag Nachmittag Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) im Nationalrat bedacht worden: "Die Schule muss aus der Umklammerung der ÖVP befreit werden", meinte er im Rahmen der Debatte zur Dringlichen Anfrage der Grünen in Sachen PISA-Studie. Es sei bedrückend, dass die ÖVP mit ihrer Bildungsministerin "der Reformverweigerer Nummer eins in Österreich ist".

Die Koalition brachte einen Antrag ein, der es zum Ziel hat, die parlamentarische Zwei-Drittel-Notwendigkeit in Bildungsfragen abzuschaffen.

Damit war die Koalition eigentlich auf einer Linie mit der SPÖ. Denn Gusenbauer meinte in Richtung ÖVP: "Beenden Sie ihre Blockade, wenn sie eine Zukunft für das österreichische Bildungssystem wollen." Dann sei auch die Zeit der ÖVP-Blockadepolitik "endlich" beendet und man könne sich von den "verzopften ideologischen Vorstellungen von Schulpolitik" verabschieden, tönte Gusenbauer. Denn die Kinder in Österreich seien nicht dümmer als in anderen Ländern und die Lehrer nicht schlechter - "aber wir haben eine Bildungspolitik von vorgestern".

Dem Koalitions-Antrag wird man laut Bildungssprecher Erwin Niederwieser aber trotzdem nicht zustimmen, da man den Entwurf noch nicht einmal gesehen habe, bevor er eingebracht worden sei.

VP-Bildungssprecher Werner Amon appellierte an die Opposition, nicht das ganze System madig zu machen. Es gebe keinen Anlass dafür, dass die ganze Nation in eine Selbstgeißelung verfalle. Auch wurde von ihm darauf hingewiesen, dass durch Experten klar gestellt worden sei, dass es zehn Jahre dauere, bis sich gesetzte Maßnahmen auch auswirken.

Der Grüne Bildungssprecher Dieter Brosz ärgerte sich darüber, dass die ÖVP Begriffe wie Ganztagsschule diffamiere. Auch werde einfach erzählt, dass Deutschland ein Ganztagsschul-System habe. Dabei habe man dort eines der differenziertesten Syteme, das es gebe. An Gehrer stellte Brosz die Frage, ob es ihr nicht zu denken gebe, dass Österreichs Schüler laut PISA in Mathematik die geringste Motivation hätten: "Ist das Wohlfühlen, wenn sie sagen, Mathematik interessiert uns nicht und wir brauchen es nicht?"

Bald zehn Jahre Schulpflicht?
Für eine zehnjährige Schulpflicht ab dem fünften Lebensjahr plädiert der Sozialdemokratische LehrerInnenverein (SLÖ). Die Kinder sollten zunächst ein verpflichtendes Bildungsjahr im Kindergarten absolvieren, mit sechs in eine vierjährige Volksschule wechseln und anschließend in eine fünfjährige einheitliche Mittelstufe ohne Trennung in AHS und Hauptschule, forderte SLÖ-Vorsitzender Reinhard Dumser bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Sämtliche Lehrer inklusive Kindergartenpädagogen sollten fünf Jahre lang an Unis ausgebildet werden und dabei verpflichtend Berufspraktika in Unternehmen absolvieren.

Mehr Ausbildung gefordert
Derzeit würden die Lehrer im Normalfall selbst durch Volksschule, AHS und Pädagogische Akademien bzw. Universität gehen, um danach sofort wieder in die Schule zurückzukehren, bemängelte Dumser. Dadurch hätten sie vom Leben "draußen" keine Ahnung und könnten den Schülern kaum Berufsorientierung vermitteln. Daher sollten sie während der Ausbildung in Betrieben und im Dienstleistungsbereich Praktika absolvieren, um die sozialen Probleme der Gesellschaft kennen zu lernen. Für die bereits unterrichtenden Lehrer solle es außerdem permanente Fortbildung geben - vom Kindergarten bis zur Schulaufsicht. Durch eine Neuverteilung des Lebenseinkommens mit höheren Anfangs- und niedrigeren Endbezügen will Dumser den Lehrberuf außerdem für Männer attraktiver machen: "Im Volksschulbereich haben wir kaum noch Männer."

Der gleichen Meinung ist auch Franz Pauer vom Institut für Mathematik der Universität Innsbruck , der die "Kürze" der kombinationspflichtigen Lehramtsstudien an den Universitäten in einer Pressekonferenz am Donnerstag kritisiert. Die fachliche Ausbildung in den zwei Unterrichtsfächern plus fachdidaktischer und pädagogischer Qualifikation sollte zwölf Semester - statt bisher neun - dauern, forderte er als Reaktion auf die Pisa-Studie.

Wenn man ein Semester für das Verfassen der Diplomarbeit und ein Semester für die pädagogische Ausbildung abziehe, so würden für das Erlangen der fachlichen und fachdidaktischen Kompetenz in jedem Unterrichtsfach nur mehr 3,5 Semester zur Verfügung stehen, argumentiert Pauer. Dies sei zu wenig. Für zukünftige Lehrer sei es wichtig, den zu vermittelnden Stoff selber von Grund auf verstanden zu haben, um ihn den Schülern auch gut vermitteln zu können.

Sitzenbleiben soll abgeschafft werden
Abschaffen wollen die sozialdemokratischen Lehrer das Sitzenbleiben in der derzeitigen Form. Allerdings bedürfe es dafür einer inneren Strukturreform der Schulen durch die Einführung eines Modulsystems: "Wenn ein Schüler in der fünften Schulstufe etwa im Modul Mathematik schlecht ist, dann kann er das Modul in eigenen Unterrichtseinheiten wiederholen und muss nicht gleich die ganze Schulstufe wiederholen, wie das jetzt der Fall ist."
(apa/red)

9.12.2004 17:25