Schere geht auseinander: Unterschied zwischen den OECD-Ländern wächst
- Schleicher: Europa im Wettbewerb nicht gut genug
- Drei zentrale Kriterien für ein gutes Schulsystem
Länder mit gutem Schulsystem sind in der internationalen OECD-Bildungsvergleichsstudie PISA seit 2000 besser geworden, die mit schlechtem System schlechter. "Die Schere geht auseinander", sagte Andreas Schleicher, Leiter der OECD-Abteilung für Bildungs-Indikatoren und Analyse, am Montag in Brüssel vor der Presse. Das sei das beunruhigendste Signal aus der aktuellen Studie, der 2006 und 2009 weitere folgen sollen.
Dabei zeige das Beispiel Polens, dass in kurzer Zeit deutliche Fortschritte erzielt werden können. Polen habe 1999 eine grundlegende Schulreform durchgeführt und bei der aktuellen PISA-Studie substanziell besser abgeschnitten als vor drei Jahren. Das sei vor allem gelungen, weil sich die schlechten Schüler verbessert hätten.
Drei Kriterien für ein gutes Schulsystem
Schleicher macht die Qualität eines Schulsystems an drei Kriterien fest. Es müsse eine "strategische Perspektive", also klar formulierte Ziele geben. Die Schulen müssten Freiräume und Verantwortung haben - nicht unbedingt Autonomie. Und sie müssten auf die "Heterogenität" der Schüler individuell eingehen. Versuche durch die Differenzierung der Schulsysteme "Homogenität" in den Klassen zu schaffen würden scheitern. So produzierten Finnlands Einheitsschulen überall vergleichbar gute Ergebnisse, während die Unterteilung in verschiedene Schulen in anderen Ländern meistens unbeabsichtigt eine Unterteilung nach sozialer Herkunft mit sich bringe.
Geld alleine reicht nicht aus
Geld spiele zwar eine Rolle, sei aber bei weitem nicht alleine entscheidend. So mache es einen sehr großen Unterschied, wenn Kinder ein Jahr früher eingeschult werden. Auch die Verwaltung des Schulsystems mache einen klaren Unterschied.
Europa an Kosten gemessen nicht gut genug
Das Ausbildungssystem Europas sieht Schleicher im internationalen Vergleich nicht sehr rosig. Vor allem wenn man als "wissensbasierte Gesellschaft" erfolgreich sein wolle. "Europa müsste so viel besser sein, wie es teurer ist. Und das ist es nicht", sagt er. Eins zu eins sei das Bildungssystem aber nicht in internationale Wettbewerbsfähigkeit umzurechnen. Denn es komme auch auf die Verfügbarkeit der Arbeitskräfte an. Das helfe wohl den USA, deren Schulen heute schlechter abschneiden als die europäischen, obwohl sie vor 20 Jahren noch deutlich besser waren.
Bildungsbereich weiß über sich zu wenig
Einer der größten Erfolge sei, dass jetzt über die PISA-Studie heftig diskutiert werde, denn das schaffe bitter nötiges Bewusstsein, sagt Schleicher. Als er in der OECD angefangen habe, habe er sich alleine um Bildungsfragen gekümmert. Heute sei seine Abteilung die größte in der Organisation. "Kein anderer Sektor der Wirtschaft könnte überleben, wenn er über sich selber so wenig wüsste" wie der Bildungsbereich. Kaum ein Lehrer wisse, was in der anderen Klasse passiert. Daher würden auch Schulsysteme mit ähnlichen Geldmitteln und Strukturen teilweise sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielen. (apa)
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