Dienstag, 30. November 2004

Herrenchef Giger ist nachdenklich: Bode Millers Blitzstart schärft im ÖSV die Sinne

  • Toni Giger: "Diese Situation ist jetzt sehr spannend"
  • Markenwechsel brachte für US-Boy zusätzlichen Vorteil

Bode Miller ist der Mann der Stunde im alpinen Herren-Weltcup. Sein Blitzstart hat dem US-Amerikaner nicht nur einen Platz in den Geschichtsbüchern, sondern auch die überlegene Gesamtführung eingebracht. "Das schärft schon die Sinne", gab auch ÖSV-Herrenchef Toni Giger zu, dass ihn die Siegesserie Millers nicht kalt lässt. "Auch als Trainer hatte ich mich an unsere Siege fast schon gewöhnt, diese Situation jetzt ist sehr spannend", so Giger in Beaver Creek.

Nicht dass deshalb jetzt die Alarmglocken läuten würden. Aber auch dem Salzburger ist klar, dass Miller mit weiteren Erfolgen in Colorado davonzulaufen droht. Zwar hat der US-Star hier vor einem Jahr in keinem der drei Rennen das Ziel gesehen, diese chaotischen Zeiten scheinen nach dem Wechsel zu Atomic aber vorbei zu sein. "Keine Frage. Bode ist in Topform und wird auch hier wieder pfeilschnell sein", ist Giger klar.

Miller ist bisher "noch jedes Mal die Kraft und Energie ausgegangen"
Giger würde Miller aber keinesfalls als "derzeit unschlagbar" bezeichnen. Zudem sei die Saison noch lange. "Über Bodes Klasse, über seine Siege gibt es nichts zu diskutieren und vor diesem Start kann man nur den Hut ziehen. Aber ich gebe zu bedenken, dass ihm bisher noch jedes Mal die Kraft und die Energie ausgegangen ist", erinnerte Österreichs Herrenchef daran, dass der Amerikaner in den vergangenen Jahren stets am großen Ziel Weltcup gescheitert war.

Durch Markenwechsel profitiert Miller von Arbeit der Österreicher
Dass die Erfolge des großen Rivalen neben dessen Klasse auch mit dem Wechsel zu Atomic zu tun haben, liegt für Giger auf der Hand. Auch wenn das Salzburger Unternehmen stets relativiert, ist Giger überzeugt, dass Miller die Früchte fremder Arbeit, sprich Ski der früheren Atomic-Piloten Stephan Eberharter (zurückgetreten) oder Hans Knauß (jetzt Fischer), geerbt hat. Giger: "In der Form und Menge habe ich das noch nie erlebt. Walchhofer, Maier usw. mussten sich alles hart erarbeiten, Miller hat hingegen das komplette Waffenarsenal unserer WC3-Gruppe einfach übernommen."

"Mannschaft ist im Umbau
Auch deshalb passe bei Miller derzeit offenbar alles. "Was aber nicht heißt, dass wir hinterher sind, er ist nur einfach derzeit schon weiter." Möglich dass bei Assen wie Hermann Maier noch die hundertprozentige Sicherheit im Schwung fehle, Rücktritte und Materialwechsel hätten aber insgesamt eine schwierige Situation erzeugt, "die viel Arbeit notwendig macht." Giger: "Ich sage es immer wieder. Unsere Mannschaft ist im Umbau, der Altersschnitt liegt bei 25. Im Vorjahr war er noch bei 30. Deshalb freut es mich besonders, wie die Jungen in Lake Louise gefahren sind."

Mehr Biss durch Miller-Siege
Giger hat auch keine Angst, dass eine anhaltende Dominanz Millers zu einer Verkrampfung in seiner Truppe führen könnte. "Im Gegenteil. Es schärft die Sinne und macht bissiger." Aber auch für Miller gilt offenbar, was schon Rudi Nierlich eine Zeit lang fast unschlagbar gemacht hat. "Wenns läuft, dann läuft es eben", so Giger zur Tatsache, dass Miller nach der Trainingsabsage in Beaver Creek die ideale Abfahrts-Startnummer 15 erhalten wird.

(apa/red)

30.11.2004 11:42