Dienstag, 30. November 2004

AIDS-Infektionen in Österreich nehmen zu:
Sozial schwer Benachteiligte stark betroffen

  • In Österreich sterben jährlich acht bis zwölf Menschen

Vor einigen Jahren starben in Österreich binnen zwölf Monaten jeweils 150 bis 170 Menschen an Aids. Die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten bei der Immunschwächekrankheit haben diese Zahl auf acht bis zwölf Opfer pro Jahr gedrückt. Doch Aids wird zunehmend eine Armutsfalle. Davor - und vor einem befürchteten Anstieg der Neuinfektionen - wurde am Montag bei einer Pressekonferenz der Aids-Hilfe Wien vor dem Welt-Aids-Tag (1. Dezember) gewarnt.

Die Geschäftsführerin der Organisation, Mag. Claudia Kuderna: "Wir haben eine Studie unter 500 Personen durchgeführt, zu denen wir in den vergangenen drei Jahren zumindest einmal über die Sozialarbeit Kontakt gehabt haben. Diese Zahlen sind relativ erschütternd. Mehr als 90 Prozent der HIV-positiven Klienten leben unter der Armutsgrenze von 780 Euro pro Monat. Im Durchschnitt sind es 570 Euro - zwölf Mal im Jahr. Drei Viertel sind überschuldet. 48 Prozent haben psychische Probleme."

Während die in Österreich vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten die Todesraten - so Aids-Hilfe Wien-Präsident Dennis Beck - die Sterbezahlen dramatisch gesenkt hat, ergibt sich daraus auch eine zusätzliche Problematik: Immer mehr Menschen müssen mit der chronischen HIV-Infektion und ihren Folgen in allen Lebensbereichen zurecht kommen.

Vereinsamung der Opfer
Dabei trifft die Krankheit einerseits sozial schwer Benachteiligte oder sonst bereits Kranke (Drogenabhängige, psychisch Kranke), andererseits lässt die HIV-Infektion bzw. die Aids-Erkrankung Menschen vereinsamen und verarmen. Claudia Kuderna: "Wir sehen sehr viele multiproblematische Patienten. Bei manchen ist HIV nicht das größte Problem. Viele weisen Symptome der Langzeitarbeitslosigkeit auf oder sind drogenabhängig." Da schafften es nur wenige Betroffene, in den "1. Arbeitsmarkt" zurückzukommen.

Die Aids-Hilfe-Geschäftsführerin: "Die Leute leben zwar länger, aber sie sagen: 'Die Therapie hat mir Lebensjahre geschenkt, aber was soll ich mit diesen Lebensjahren machen'?"

Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (V) betonte die unerhörte Wichtigkeit der Prävention von Aids-Infektionen: "In Österreich sind seit dem ersten Aids-Fall im Jahr 1983 2.389 Menschen erkrankt. Derzeit werden etwa 1.000 Patienten behandelt. Die Hälfte der HIV-Infizierten lebt in Wien, in Oberösterreich 16 Prozent und in Tirol zehn Prozent. Das Ziel kann nur sein, die Zahl der Neuinfektionen zu verringern. In der Vergangenheit waren es pro Jahr zwischen 400 und 440. Auf Grund der Daten aus den ersten drei Quartalen ist zu befürchten, dass dieser Wert in diesem Jahr überschritten werden könnte." Man rechnet mit rund 480 HIV-Neuinfektionen in Österreich in diesem Jahr.
(apa)

30.11.2004 12:28