Donnerstag, 25. November 2004

Abfuhr an die Industrie: Österreicher gegen die Arbeitszeit-Flexibilisierung

  • Arbeitszeit-Durchrechnung für ganzes Jahr vorstellbar
  • Klare Absage an Einführung einer 35-Stunden-Woche

Die Österreicher lehnen laut einer Umfrage im Auftrag des Unternehmensberaters Czipin die von der Industrie geforderte Arbeitszeit-Flexibilisierung ab. Am ehesten ist für viele noch eine Durchrechnung der Arbeitszeit für das ganze Jahr vorstellbar (Note 2,85), am wenigsten ein Wegfall der Zuschläge für Samstags- und Abendarbeitszeit (3,92). Laut Czipin gelten Werte über 3 als "glatte Absage".

Die Umfrage habe aber auch ergeben, dass die Österreicher "erschreckend wenig" über dieses Thema wüssten, betonte der Leiter des Beratungsunternehmens, Alois Czipin, am Mittwochabend.

Der Chef des österreichischen Edelstahlerzeugers Böhler-Uddeholm, Claus Raidl, hält trotzdem an den Industrieforderungen fest. Er drohte bei der Präsentation der Umfrage den Arbeitnehmervertretern einmal mehr mit einer Initiative für eine gesetzliche Regelung der Arbeitszeit-Durchrechnung, sollte es keinen Sozialpartner-Entwurf geben.

Raidl mit Nein zur 35-Stunden-Woche
Eine klare Absage erteilte Raidl den Wünschen der Gewerkschaft nach Einführung einer 35-Stunden-Woche. Diese habe sich schon in Deutschland nicht bewährt. Der Sozialexperte Bernd Marin hatte hingegen im August für eine Vier-Tage-Woche bei einem gleichzeitigen Ausbau der Arbeitszeit-Flexibilisierung argumentiert, ein paar hundert Jahre "Erfolgsgeschichte des Industriekapitalismus" würden zeigen, wie "schwindelerregende Produktivitätsfortschritte und Reichtumssteigerungen fast immer mit radikalen Arbeitszeitverkürzungen einhergingen".

Raidl gestand ein, dass eine Arbeitszeitflexibilisierung keine neuen Arbeitsplätze schaffe. Es würde aber vorgesorgt, dass keine verloren gingen. Dass sich die Wirtschaft mit einer Flexibilisierung nur die teuren Überstunden ersparen will, verneinte er.

Raidl, der auch zum engen Beraterkreis von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) gehört, sprach sich dafür aus, ein Bonussystem bei guter Ertragslage auch im Kollektivvertrag festzuschreiben - wenn dafür die Arbeitszeit inklusive Überstunden über ein Jahr durchgerechnet wird. Eine Arbeitsplatzgarantie für Zugeständnisse bei der Arbeitszeit lehnte er ab.

Bartenstein erhöht Druck auf Gewerkschaft
Wirtschaftsminister Bartenstein erhöhte indes den Druck auf die Gewerkschaft. Sollte sich die Gewerkschaft einer Arbeitszeitflexibilisierung verweigern, werde er aktiv werden und "einen Vorschlag einbringen", denn die Zeit dränge, meinte Bartenstein im Interview mit dem "WirtschaftsBlatt". Das Thema Arbeitszeitflexibilisierung habe für ihn "oberste Priorität".

Er verstehe die Gewerkschafter, wenn sie eine Flexibilisierung der Arbeitszeit "nicht unter der Prämisse eines Lohnverzichts zulassen wollen", er verstehe sie allerdings nicht, "wenn sie der ausgezeichnet funktionierenden Sozialpartnerschaft auf betrieblicher Ebene nicht mehr Mitentscheidungsmöglichkeit einräumen, sondern zentralistisch alle Entscheidungen hier in Wien belassen wollen". Das entspreche nicht der vielschichtigen Realität in den Betrieben, zitiert das Blatt den Wirtschaftsminister.

Eine Arbeitszeitverlängerung sei in Österreich "kein Thema, weil wir, was die geleistete Jahresarbeitszeit anbelangt, in Europa zwar nicht an der Spitze, aber im Mittelfeld liegen. Es ist auch gut, dass die Diskussion über die Abschaffung von Feiertagen wieder vom Tisch ist", meinte Bartenstein. (apa)

25.11.2004 08:40