Mittwoch, 24. November 2004

Olympia: Machtkampf und Millionen-Loch - große Sorgen im Hauptquartier in Turin

  • IOC-Präsident Rogge fordert mehr Engagement
  • Baustelle Bobbahn: Bau der Sportstätten verzögert sich

Ein Millionen-Loch im Etat, ein Polit-Poker um die Führungsspitze und der Staatsanwalt im Haus der Partneragentur: 443 Tage vor Eröffnung der XX. Olympischen Winterspiele in Turin kommen die Organisatoren aus den Negativschlagzeilen nicht heraus. Während in den Bergregion 100 km westlich der norditalienischen Metropole unter Hochdruck die Bauarbeiten an Bobbahn und Sprungschanze laufen, liegen die größten Probleme allerdings in der Zentrale in Turin. "Wir sind uns der Situation bewusst. Es gibt für uns noch viel zu tun. Aber ich bin sicher, dass wir befriedigende Lösungen finden werden", sagte Valentino Castellani, Chef des Organisationskomitees TOROC.

Angesichts gravierender Finanz- und Logistikprobleme hat sich auch Jacques Rogge schon eingeschaltet und beim dreitägigen Treffen der IOC-Exekutive ab Mittwoch in Lausanne wird Turin ein Topthema sein. Noch werden Vergleiche mit den Athener Vorbereitungen auf die diesjährigen Sommerspiele vermieden, aber um ein drohendes Olympia-Desaster vom 10. bis 26. Februar 2006 zu verhindern, forderte IOC-Präsident Rogge auch die Regierung in Rom schon zu mehr Engagement auf.

Berlusconi will Olympia für die Wahlen nützen
An Interventionen aus der Hauptstadt hat es den Turinern aber ohnehin nicht gemangelt. Kurz nach Olympia stehen in Italien Parlamentswahlen an und längst wird gemunkelt, dass Ministerpräsident Silvio Berlusconi das Spektakel in der Auto-Metropole für seine Zwecke nutzen will. TOROC-Chef Castellani, ehemals Turiner Bürgermeister einer Mitte-Links-Regierung, ist dabei offenbar ein Dorn im Auge. Mit Sport-Staatssekretär Mario Pescante wurde Castellani quasi ein Statthalter Roms zur Seite gestellt und es ist fraglich, ob und wie lange der TOROC-Chef nach der Rücknahme erster Rücktrittsankündigungen überhaupt noch im Amt bleiben wird.

Verwundert hatte sich Castellani darüber geäußert, dass sich die ehemals staatlichen Unternehmen als Olympia-Sponsoren zurückhalten. Ohne Probleme könnte sonst wohl die Lücke von derzeit 186 Millionen Euro im 1,179 Milliarden Euro-Etat geschlossen werden. "Ich kann nicht glauben, dass 200 Millionen für ein Land wie Italien ein Problem sind", sagte Castellani.

Auf der Bobbahn-Baustelle soll im Jänner gefahren werden
Angesichts des Polit-Pokers rücken drängende praktische Probleme fast in den Hintergrund. Die Untersuchungen der Finanzbehörden bei der für öffentliche Bauvorhaben zuständigen "Agenzia Torino 2006" trüben das Image. Und noch schlimmer: Noch ist die Bobbahn, auf der im Jänner bei einem Weltcup die Generalprobe stattfinden soll, eine Großbaustelle und auch die Eiskunstlaufhalle, kurz darauf Austragungsort der Europameisterschaften, ist noch nicht fertig.

Ungelöst ist auch die Quartiernot in den Bergen um das Olympia-Subzentrum Sestriere. Da ein tägliches Pendeln nach Turin bei Fahrtzeiten von wahrscheinlich mehr als sechs Stunden unmöglich ist, wird der Andrang in den kleinen Bergorten kaum zu bewerkstelligen sein. Per Plakatkampagne versuchen die Organisatoren nun Appartements aus privater Hand anzumieten.

24.11.2004 14:45