Donnerstag, 25. November 2004

Prozess um Missbrauch von Heimkindern in Portugal: Ex-Botschafter auf Anklagebank

  • Auch Showmaster und Prominentenarzt beschuldigt
  • Größter Pädophilie-Skandal vor 2 Jahren aufgedeckt

Zwei Jahre nach der Aufdeckung des größten Pädophilie-Skandals in der Geschichte Portugals ist der Prozess gegen sieben mutmaßliche Kinderschänder eröffnet worden. Unter den Angeklagten sind der populärste Showmaster des portugiesischen Fernsehens und ein Ex-Botschafter. Sie müssen sich vor einem Gericht in Lissabon wegen sexuellen Missbrauchs von Heimkindern verantworten.

Nach der Anklageschrift sollen die Beschuldigten sich jahrelang an Dutzenden von Kindern aus staatlichen Waisenheimen vergangen haben. Der Hauptangeklagte ist der frühere Hausmeister der staatlichen Heimkette "Casa Pia", Carlos Silvino, genannt "Bibi". Dem 48-Jährigen werden über 600 Fälle von Kinderschändung zur Last gelegt. Zudem soll er Prominenten gegen Geld Heimkinder für Sexorgien zur Verfügung gestellt haben.

Der im November 2002 aufgedeckte Skandal hatte unter den Portugiesen Bestürzung ausgelöst und das ganze Land in eine moralische Krise gestürzt. Unter den Beschuldigten war zunächst auch der frühere Arbeits- und Sozialminister Paulo Pedroso gewesen. Bei den Ermittlungen gegen den Politiker, die "Nummer zwei" der Sozialistischen Partei, wurde auch das Telefon des damaligen Parteichefs Eduardo Ferro Rodrigues abgehört. Die Anklage gegen Pedroso wurde jedoch fallen gelassen. Gegen diese Entscheidung legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein, über die noch nicht entschieden wurde.

Fast 800 Zeugen sind geladen
Bis auf Silvino bestreiten alle Angeklagten die Vorwürfe. Der Prozess wird sich wahrscheinlich über mehrere Monate hinziehen. Fast 800 Zeugen sind geladen. Dazu gehören 32 ehemalige Heimkinder, auf deren Aussagen die Anklage zu einem großen Teil basiert. Die Verteidigung stützt ihre Strategie darauf, die Glaubwürdigkeit dieser Zeugen in Zweifel zu ziehen.

Neben Silvino mussten ein TV-Entertainer, ein Ex-Botschafter, ein Prominenten-Arzt, ein Anwalt, ein ehemaliger Heimleiter und eine Hausbesitzerin auf der Anklagebank Platz nehmen. Ein achter Angeklagter, dem anfangs ebenfalls die Schändung von Heimkindern zur Last gelegt worden war, muss sich nur noch wegen illegalen Waffenbesitzes verantworten.

Mehrmonatige Unterbrechung erwartet
Die Verhandlungen unter dem Vorsitz der Richterin Ana Peres finden größtenteils unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nach Angaben der Zeitung "Jornal de Notícias" drohte gleich zu Beginn des Prozesses eine mehrmonatige Unterbrechung. Das Gericht muss nämlich entscheiden, ob die Protokolle des später abgesetzten Ermittlungsrichters Rui Teixeira anerkannt werden. Sollten sie für ungültig erklärt werden, müsste ein großer Teil der Ermittlungen neu aufgerollt werden. (apa/red)

25.11.2004 15:21