Donnerstag, 25. November 2004

AKH Wien in Nöten: Veraltete Geräte, bröselnde Bausubstanz, gekürzte Budgets!

  • NEWS: Europas größtes Spital steckt in Finanznöten
  • PLUS: Alle Daten und Fakten zum Spital der Superlative

Das AKH in Wien - mit Gesamterrichtungskosten von 4,1 Milliarden Euro eines der teuersten und mit 2.206 systemisierten Betten eines der größten Spitäler der Welt - wurde in drei Jahrzehnten erbaut und ab 1991 (offizielle Eröffnung: 1995) sukzessive besiedelt. Jetzt steckt das Spital in einer schweren Finanzkrise. Professoren proben den Aufstand!

Die Lage ist bedrohlich", sagt Michael Zimpfer, der Chef der AKH-Intensivstationen und Anästhesisten. "Rundum wird so gespart, dass wir uns ernste Sorgen um die Zukunft machen müssen", ergänzt der Gynäkologe und Hormonforscher Johannes Huber. "Vieles, was im AKH passiert, macht keinen Sinn", kritisiert der Frauenarzt Peter Husslein. "Um die Kosten drastisch zu senken, musste ich Konzepte in Telefonbuchstärke entwickeln", seufzt der Kardiologe Gerald Maurer. "Jahr für Jahr stehen wir vor den gleichen Problemen, sodass ich mir Sorgen mache, wie wir unseren Status als Spitzeninstitut für die Patienten aufrechterhalten können", blickt auch der Radiologe Christian Herold besorgt in die Zukunft.

Dramatische Lage
Das medizinische Equipment dieses Spitals der Superlative (Gesamtkosten von Medizintechnik und Geräten: 557 Millionen Euro, derzeitiger Stand des Anlagevermögens: 107 Millionen Euro) ist zum Teil bereits fast anderthalb Jahrzehnte alt. Durchschnitt der Lebensdauer von medizintechnischen Geräten: maximal acht Jahre - weltweit. Einige Medizinökonomen beziffern die Lebensdauer stark beanspruchter Geräte gar nur mit sechs Jahren. So oder so: Der AKH-Gerätepark ist technisch schwer veraltet - seit der Besiedelung wurden fast keine Erneuerungsinvestitionen gemacht. Jetzt brechen viele Geräte zusammen. Eine Anpassung an den medizinischen Weltstandard, wie sie von der wissenschaftlichen Spitzenmedizin gefordert wird, ist unmöglich.

1,3 Milliarden Euro bis 2012
Michael Zimpfer, AKH-Intensivmediziner von Weltrang, schilderte erst vor wenigen Monaten dem Finanzminister Karl-Heinz Grasser in einem vertraulichen Gespräch den Ernst der Lage: Wegen der diversen "Investitionsstopps" und "Mittelzuordnungen" sind im AKH "Betriebsstörungen durch Anlagen- und Geräteausfälle" an der Tagesordnung. Da oder dort gebe es bereits "eine Beeinträchtigung des Patientenbetriebes", "behördliche Forderungen" könnten "nicht erfüllt " werden, und von einer "Anpassung an den medizinischen Standard" könne längst keine Rede mehr sein. Zimpfer illustrierte den Fehlbedarf an Beispielen: Während in anderen Städten (Linz, Klagenfurt, St. Pölten, Köln, München etc.) ein Positionsemissionstomografiegerät (PET) zur differenzialen Darstellung verschiedener Diagnoseebenen (Anschaffungskosten: 1,3 Millionen Euro plus Montage und Umbauten) längst Selbstverständlichkeit ist, wartet ausgerechnet das Spitzenspital AKH (eines der führenden Transplantationshäuser der Welt, das erst kürzlich die tausendste Herz- und die 500. Lebertransplantation durchführte) schon seit langem auf dieses Gerät. Den Intensivstationen fehlen Aspect-Gehirndurchblutungsmessungsgeräte (0,9 Millionen). Das Gamma-Knife (2 Millionen) ist wegen seines hohen Alters dringlichst erneuerungsbedürftig - seine Strahlenquelle gibt bereits den Geist auf. Die Neurochirurgie wartet verzweifelt auf eine offene Nuclidmagnetresonanz (1,5 Millionen Euro) - ein Gerät, das beispielsweise in Boston längst in Betrieb ist. Aber auch die Bausubstanz des AKH gehört dringlich erneuert. So ist etwa die Klimaanlage so veraltet, dass sie für Knochenmarkstransplantationen kaum mehr kompatibel ist; der Südgartentrakt (Psychiatrie) bedarf gewaltiger Substanzerneuerung etc., etc.

Um das AKH tatsächlich auf den modernsten Bau- und Gerätestand zu bringen, errechnete Zimpfer jährliche Mindestinvestitionen von 129,46 Millionen Euro (60 Prozent Stadt Wien, 40 Prozent Bund). In einem Dossier des Finanzministeriums heißt es wörtlich: "Um das AKH ... als Spitzeneinrichtung der medizinischen Patientenversorgung, Forschung und Lehre zu erhalten, sind aus heutiger Sicht bis 2012 Investitionsmittel in der Höhe von 1.264,85 Millionen Euro, gerundet 1,3 Milliarden, erforderlich."

Nur durch ein Wunder kann bestenfalls ein Viertel dieser Summe von Bund und Stadt Wien aufgebracht werden.

Noch mehr zu den Finanznöten des Wiener AKH lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von NEWS!

25.11.2004 12:58