Donnerstag, 25. November 2004

Schüler mit Leseschwäche? PISA-Ergebnisse bringen Gehrer unter Druck!

  • Gehrer: "Nicht in nationale Depression verfallen"
  • Elternvereine kritisieren Kürzungen an Schulen

Die Vorabveröffentlichung eines Detailergebnisses der internationalen OECD-Bildungsvergleichsstudie PISA, die offiziell erst am 7. Dezember präsentiert werden soll, hat am Mittwoch Bildungsministerin Elisabeth Gehrer und die Bildungspolitik der Regierung unter Druck gebracht. Klar scheint bisher nur, dass Österreich bei der Lesekompetenz der 15- bis 16-jährigen Schüler von Platz zehn auf Platz 19 abgestürzt ist.

Die Opposition nutzte dies für massive Attacken auf Gehrer, und selbst der Regierungspartner FPÖ sieht "Handlungsbedarf". Gehrer selbst will angesichts der veröffentlichten Daten "nicht in nationale Depression verfallen", nimmt die Ergebnisse aber "sehr ernst" und kündigt bereits erste Maßnahmen an.

Gegenüber der ersten, 2001 vorgestellten PISA-Studie dürfte sich Österreich laut den bisher veröffentlichten Ergebnissen von PISA 2003 in den drei Kategorien Lesekompetenz, Naturwissenschaften und Mathematik verschlechtert haben. Gehrer wollte die bisher kolportierten Daten auf Grund internationaler Vereinbarungen zwar nicht bestätigen, geht aber davon aus, dass sie stimmen. Nach dem offiziellen Vorliegen der Ergebnisse werde man die Hintergründe hinterfragen. Die Ministerin machte aber klar, dass Veränderungen im Bildungswesen grundsätzlich eine "langfristige Sache" seien und eine Änderung der Schulorganisation, also etwa der Einführung einer gemeinsamen Schule für die Zehn- bis 14-Jährigen, für sie nicht in Frage kommen. Als kurzfristige Maßnahme plant Gehrer in der ersten Märzwoche 2005 in allen Klassen der sechsten Schulstufe (zweite Klasse Hauptschule bzw. AHS-Unterstufe) die Abhaltung von Lese-Screenings - "nicht für Rankings, sondern für die Lehrer".

Für die SPÖ ist die Bildungspolitik der Regierung "grottenschlecht" (SP-Bildungssprecher Erwin Niederwieser), das PISA-Ergebnis eine "Katastrophe, die auf die radikale Kürzungspolitik der schwarz-blauen Bundesregierung zurückzuführen ist" (SP-Wissenschaftssprecher Josef Broukal). Dieser wirft "der amtsmüden" Bildungsministerin einen "fahrlässigen Kurs" vor und vergleicht die Situation mit den Universitäten: "Einmal ist der Ofen aus. Fehlendes Geld wird zu fehlender Qualität." Nicht verwundert über den Absturz zeigte sich der Grüne Bildungssprecher Dieter Brosz, da Gehrer keinerlei Konsequenzen aus der ersten PISA-Studie gezogen hätte. Diese habe die Schwächen des österreichischen Schulsystems deutlich aufgezeigt, Gehrer aber das damalige Ergebnis "als Weltklasse schöngeredet".

Keine Rückendeckung erhielt Gehrer vom Regierungspartner. FPÖ-Bildungssprecherin Mares Rossmann sieht "Handlungsbedarf" und ortet die Gründe für das schlechte Abschneiden Österreichs darin, dass immer mehr Kinder die Unterrichtssprache nicht beherrschen würden. Schwerpunkte müssten daher bei der Früherziehung und vor allem beim Erlernen der Unterrichtssprache Deutsch gesetzt werden - vor allem hinsichtlich Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache. ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon kritisierte die Vorabveröffentlichung der PISA-Daten heftig ("schwerer Schaden") und verwies auf "eine ganze Fülle internationaler Studien, die dem österreichischen Bildungssystem ein hervorragendes Zeugnis ausstellen" würden. Bundesschulsprecherin Selma Schmid forderte das Bildungsministerium auf, "die PISA-Studie sehr ernst zu nehmen und endlich einzusehen, dass Österreichs Schulen schwere Probleme haben".

Dass die österreichischen Schülerleistungen "nur internationales Mittelmaß" seien, betonte der Erziehungswissenschafter und Leiter des österreichischen PISA-Zentrums, Günther Haider, bei einer Bildungs-Enquete des Bundesrats, ohne allerdings auf die aktuelle PISA-Studie einzugehen. Finnland dürfte dagegen seine Top-Position bei der Bildungsstudie halten: Laut einem Bericht des deutschen Magazins "Stern" landet das skandinavische Land wieder an erster Stelle, keine Angaben macht das Blatt aber über die Kategorie (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften).

Elternvereine kritisieren Kürzungen an Schulen
Der Obmann der Elternvereine an Pflichtschulen, Kurt Nekula, hat am Mittwochabend die finanziellen Kürzungen für Schulen kritisiert. In der "ZiB2" meinte Nekula zu den Ergebnissen der jüngsten PISA-Studie zwar einerseits, wer jetzt schon genau wisse, was zu machen sei, der sei "ein Scharlatan". Gleichzeitig verwies er aber darauf, dass in den letzten vier Jahren gekürzt worden sei wie nie zuvor. Dadurch sei "ein Gerangel um Ressourcen" entstanden und dadurch werde die Bildungsqualität heruntergefahren.

Nekula betonte, dass jene Länder, die in der PISA-Studie gut abschneiden, schon bei kleinen Kindern im Vorschulalter in die individuelle Förderung investieren. Diese Individualität werde dann weiter gezogen und die "natürliche Neugier" der Kinder genutzt. In einem solchen System funktioniere auch die Leistungsbeurteilung anders als beim Lernen von Test zu Test. Die Leseförderung der Kinder könne aber nicht alleine der Schule aufgebürdet werden, betonte der Obmann der Elternvereine. (apa)

25.11.2004 09:36