Koller: "Jetzt fängts erst richtig an" - Die verrückte Lebensbeichte der letzten Diva
- Ein Star, der sich selbst erschuf. Von der Soubrette zum Musical-Star und zur Diva der Konzerte.

Ein bewegtes Leben: Aus armer Kindheit ganz an die Spitze. Wer ihr beistand, wen sie liebte und was sie behinderte.
Memoiren, erster Teil: Von 1939 bis 1979. Wie die Künstlerin ihre ersten vierzig Jahre erlebte.
Sich erinnern bedeutet, die Büchse der Vergangenheit öffnen und tausend gebannte Dämonen entfesseln, mit denen man sich nie wieder herumschlagen wollte. Vielleicht, dass Dagmar Koller, die mit ihren 65 Jahren ausschließlich im Heute lebt, deshalb so lang den Deckel auf dem Vergangenen hielt. Nein, das nicht allein:
Zu viel Biografisches hatten die Bohlens, Naddels und Küblböcks auf den Mark gesudelt. Dagmar Koller sah das so:
Wenn Sternchen, die das Wort Memoiren nicht einmal fehlerfrei zu buchstabieren verstehen, ihr Nichts an bisherigem Leben schon zu Markte tragen, wäre für die seriöse Selbstdarstellung, an der andere sich ein Beispiel nehmen könnten, kein Platz. Erst im Frühjahr dieses Jahres waren der Verlag Langen Müller und NEWS-Autorin Senta Ziegler gemeinsam erfolgreich die Frau, die mit Vergnügen älter wird, zur umfassenden Lebensdarstellung zu bewegen. Nun liegt die Autobiografie vor. Und damit sie nicht den Eindruck der abschließenden Bilanz erweckt, nennt sie sich flott: Jetzt fängts erst richtig an (ab 27. Oktober im Buchhandel; Langen Müller, 300 Seiten, 100 Abbildungen, 22,90 Euro). Am 4. 11. tritt die Koller dazu in Vera auf. NEWS bringt in diesem und im nächsten Heft Auszüge aus den markantesten Kapiteln.
Die Dämonen der Vergangenheit. Zu allererst galt es, die kummervolle Kindheit und die ehrgeizgetriebenen Mühen des Karrierebeginns noch einmal aufzurollen. Geboren in Klagenfurt am 26. August 1939, gleichsam am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, erlebt sie das Inferno aus Bomben, Hunger, Scheidung und Vaterlosigkeit als Folge der Wirren. Von der geliebten, aber überforderten Mutter wird sie zum Kohlenklau angehalten. Ganz zu Beginn die kleine Dagmar ist kaum sechs gerät sie an den Rand eines Kindesmissbrauchs. Ein junger Sergeant der britischen Besatzungsmacht lädt das Mädchen zu einer Bootsfahrt auf den Klopeinersee ein, an dem Dagmar damals mit Mutter Mariella und Bruder Siegmar lebt:
Auf dem Schoß des Soldaten. Dieser hübsche junge Mann, höchstens 22 Jahre alt, hat mir ab und zu Schokolade, Kaugummi oder sonstige Süßigkeiten geschenkt. Eines Tages fragte er Mama, ob er mich zur Bootsfahrt auf dem See mitnehmen dürfe. Ganz weit draußen auf dem See sagte er plötzlich Come on, setz dich auf mich. Das wollte ich nicht. Urplötzlich packte er mich und hob mich auf seinen Schoß. Ich wehrte mich mit aller Kraft und stützte mich dazu heftig an seinem Körper ab, drängte mich wild von ihm weg, aber er hielt mich auf seinen Oberschenkeln fest. Ich rief: Nein, nein, ich mag das nicht und stemmte mich weiter heftig ab, da hielt ich plötzlich einen festen Prügel in der Hand. Es war sein erregter Penis für mich ein Schock, eine Bedrohung, etwas Furchterregendes.
Das Mädchen entkommt der Gefahr, wagt es aber nicht, mit jemandem darüber zu reden. Dagmar Koller heute: Darum setze ich mich heute dafür ein: Die Kinder sollten in einer vertrauensvollen Atmosphäre aufwachsen, sich nicht scheuen müssen, alles zu erzählen. Und die Mütter müssten aufmerksam sein und nachfragen, wenn sie vermuten, dass etwas vorgefallen sein könnte.
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