Mittwoch, 27. Oktober 2004

Führerschein: Punkte für Autorowdys

  • Raser & Co gehen im Punktesystem leer aus

Mit umstrittenem Vormerksystem soll Zahl der Verkehrstoten reduziert werden.

Der Wilde Westen beginnt in Wien-Währing. Am vergangenen Samstag überfuhr der Lenker eines dunkelgrünen Mazda MX3 einen Passanten auf einem Fußgängerübergang. Der unbekannte Lenker bremste, stieg aus – aber nicht, um dem Schwerverletzten beizustehen, sondern um seine Nummerntafeln abzumontieren, damit ihn die Passanten nicht identifizieren können. Das Unfallopfer verstarb kurz darauf im Krankenhaus. Nach dem Todeslenker fahndet die Wiener Polizei.

Punkte gegen Verkehrs-Brutalos. Kein Einzelfall, wie ein Blick auf die Unfallstatistik beweist. Allein 2003 gab es bei 1.034 Unfällen auf Schutzwegen 1.048 Verletzte und 22 Tote. Und das, obwohl Fußgänger laut Gesetz auf Zebrastreifen absoluten Vorrang gegenüber Autos haben. Die Situation auf Österreichs Straßen wird immer härter. Drängeln, Überfahren von roten Ampeln, Missachten von Stoppschildern und Alkohol am Steuer gelten hierzulande noch immer als „Kavaliersdelikte“.

Dem mangelnden Verständnis der Autofahrer will die Bundesregierung jetzt mit einem neuen System auf die Sprünge helfen. Ähnlich wie in Deutschland, Italien oder Spanien soll ab 2005 auch in Österreich ein eigenes Punktesystem gelten. Bei 13 Verkehrsdelikten gilt ab sofort ein Strafpunktekatalog. So gibt es künftig für Missachtung des Fußgängervorrangs auf einem Zebrastreifen ebenso – zusätzlich zu den bereits üblichen Sanktionen – einen Strafpunkt wie für die Nichteinhaltung des Sicherheitsabstandes. Wer drei Punkte gesammelt hat, ist den rosa Schein für mindestens drei Monate los.

Rasen & Handy punktefrei. Infrastrukturminister Hubert Gorbach: „Der dem Parlament zur Begutachtung vorliegende Punktekatalog umfasst vor allem jene Verkehrsdelikte, die nachweisbar zu schweren Unfällen führen. Damit wollen wir die Zahl der Verkehrstoten in Österreich bis 2010 halbieren und die Unfälle mit Personenschaden um 20 Prozent reduzieren.“ Dieser Lobeshymne des Ministers können sich aber viele heimische Verkehrsexperten nicht anschließen. Denn im Regierungspaket fehlen einige wichtige Unfallbringer. So ist das Telefonieren mit dem Handy im Auto ohne Freisprecheinrichtung nach wie vor punktefrei, obwohl im Jahr 2003 durch so telefonierende Fahrzeuglenker bei Unfällen 40 Verkehrstote zu beklagen waren. Wolfgang Rauh, Experte des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ): „Die Einführung eines Punktesystems ist zwar begrüßenswert, die Reduktion auf nur 13 Delikte ist aber sicherlich nicht dazu angetan, die Zahl der Verkehrstoten dramatisch zu senken.“ Gerade das Handytelefonieren ohne Freisprecheinrichtung sei, so Rauh, eine der am meisten unterschätzten Gefahren im Straßenverkehr. Rauh: „Telefonieren am Steuer reduziert die Reaktionszeit des Lenkers genauso stark, als hätte dieser 0,8 Promille Alkohol im Blut.“ Minister Gorbach: „Ich setze hier auf die Vernunft der Autofahrer, denn Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung ist nicht nur verboten, sondern auch gefährlich.“

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27.10.2004 17:07