Freitag, 22. Oktober 2004

Kunst und Kultur in Venedig: Spektakuläre Dalí-Schau und "Fenice"- Wiedereröffnung

  • Teatro Fenice wurde acht Jahre lang rekonstruiert
  • Architektur-Biennale und viele andere Ausstellungen

Wann denn die beste Zeit ist, nach Venedig zu fahren? Der Sommer mit seinen Touristenmassen ist es nicht; der Winter ist für Kultursnobs, die es romantisch und kuschelig finden, wenn sie in dicken Wintermänteln in ungeheizten Cafés rumsitzen. Bleiben der Frühling und der Herbst. Für den Frühling spricht viel, vor allem das schöne Wetter; gegen den Herbst spricht einiges:

Das oft unangenehm windreiche Wetter, das gelegentliche acqua alta.
Aber: Der Herbst ist die beste Zeit, die spektakulären Sommerausstellungen zu sehen. Das ist in diesem Jahr nicht anders.

Ausstellung zum hundertsten Geburtstag
Am spektakulärsten ist wohl die Ausstellung zum hundertsten Geburtstag von Salvador Dalí. Schauplatz ist der Palazzo Grassi, und das macht sie aus zwei Gründen bemerkenswert.

Da ist natürlich einmal Dalí selbst:
eine äußerst problematische Figur der Kunstgeschichte. Künstler oder Scharlatan? Visionär oder begnadeter Selbstdarsteller? Wer an Dalí denkt, dem fallen zuerst einmal der Zwirbelschnurrbart, die nackte Amanda Lear, die Geschichten von Sexbesessenheit und Exzentrik, die fließenden Uhren und die brennenden Giraffen ein. Das ist alles recht toll, aber noch nicht Kunst. Dalí selbst war ja von seinem schnellen Erfolg einigermaßen überrascht. "Ich habe nie die Geschwindigkeit verstanden, mit der ich populär wurde", schreibt er in seiner Autobiografie "Das geheime Leben des Salvador Dalí", deren deutsche Ausgabe im Verlag Schirmer & Mosel erschienen ist.

Zu einer Marke stilisieren
Dass Dalí es lang vor Andy Warhol verstand, sich selbst zum Gesamtkunstwerk - heute würde man sagen: zu einer Marke - zu stilisieren, steht außer Zweifel. Aber die Kunst? Taugt sie zu mehr als zur Vorlage für Kalender und Billigdrucke? Die mehr als 200 Werke, die im Palazzo Grassi ausgestellt sind, bescheren wohl einen recht unterhaltsamen Ausstellungsbesuch, den Künstler Dalí können sie aber auch nicht so recht "rehabilitieren".

Schlusstag für den Palazzo Grassi
Die Ausstellung ist aber noch aus einem anderen Grund bemerkenswert, und der ist etwas weniger erfreulich. Wenn sie Anfang Jänner schließt, dann ist auch Schlusstag für den Palazzo Grassi in der Form, wie wir sie so sehr schätzen gelernt haben. Sein Eigentümer, der krisengeschüttelte Fiat-Konzern, will ihn loswerden, alles, was nicht zum Kerngeschäft gehört, soll abgestoßen werden. Das ist schade, denn dem Palazzo Grassi verdanken wir einige der sehenswertesten Ausstellungen der letzten Jahrzehnte.

Die Dalí-Ausstellung ist nicht die einzige Ausstellung von Interesse:
In den Giardini und im Arsenale ist noch bis 7. November die Architekturbiennale zu sehen. Diese ist so etwas wie die Olympischen Spiele der Architektur, bloß dass sie alle zwei Jahre stattfindet. Nationen schicken ihre Vertreter, Preise werden vergeben, und die Besucher können sich ein Bild vom Stand der Dinge machen. In diesem Jahr, so sagt man, wäre die Qualität nicht so hoch gewesen wie vor zwei Jahren, und auch die Themenausstellung, die diesmal unter dem Titel "Metamorphosen" läuft, ist weniger spektakulär als ihre Vorgängerinnen.

Turner und Venedig
Schön sind die Bilder, die in der Ausstellung "Turner und Venedig" bis Ende Jänner im Museo Correr gezeigt werden. Schön, das heißt: Zu sehen sind Motive, die jedes Venedig-Klischee bedienen. Wie sie jedoch gemalt wurden, das ist das Faszinierende. So wie William Turner konnte kaum ein anderer Licht malen, und keiner konnte so die Paläste und Kirchen und Brücken zum Schweben bringen wie er.

Wiedereröffnung des "Fenice":
Nicht nur das kulturelle, sondern auch das gesellschaftliche Großereignis in diesem Herbst aber ist die Wiedereröffnung des Teatro La Fenice. Das war im Jänner 1996 abgebrannt, und es folgte eine Posse, wie sie italienischer nicht sein könnte. Verschwörungsthesen zur Brandursache wurden lanciert, Firmen, die sich um den Wiederaufbau des Opernhauses bemühten, wurden mit der Mafia in Verbindung gebracht oder gingen in Konkurs. So dauerte es mehr als acht Jahre bis zur Wiederherstellung. Fast 100 Millionen Euro hat die Rekonstruktion - die sich unter anderem den Visconti-Film "Senso" zur Vorlage nahm - gekostet. Eröffnung ist am 12. November mit Verdis "La Traviata", jener Oper, die 1853 hier uraufgeführt wurde. Es dirigiert Lorin Maazel. (FORMAT 43/2004)

22.10.2004 11:34