Mittwoch, 20. Oktober 2004

„Ich schreibe Geschichte“

  • Was vier weitere Jahre Bush bedeuten

George W. Bush: Schafft er’s wirklich wieder? Aktuelle Umfragen sehen den Präsidenten vor Herausforderer Kerry. Worauf sich die Welt nach einem Bush-Sieg gefasst machen muss und wie Hugo Portisch das Wahlkampf-Finale sieht.

Die vernichtendste Abrechnung mit US-Präsident George W. Bush kommt aus seiner eigenen Partei: „Er glaubt allen Ernstes“, sagt Bruce Bartlett, Exberater von Ronald Reagan, „dass er Gottes Mission erfüllt.“ Bushs absoluter Glaube ersetze die Notwendigkeit ernsthafter Analyse. Er entscheide im Kreis der loyalsten und unkritischsten Berater und bete dann um Stärke. Beispiel Irakinvasion: Trotz des Desasters hält Bush an seinem Glauben fest, Gott wolle „die Menschen frei sehen“ und werde „Demokratie und Freiheit im Nahen Osten blühen lassen“. Überbringer schlechter Nachrichten oder Kabinettsmitglieder, die auf Analysen vertrauen, landen im Out: Kriegsskeptiker Colin Powell ist isoliert, die kritischen Minister Paul O’Neill und Christie Todd Whitman wurden geschasst.

Religion gegen Ratio. Senatoren wie Schwergewicht Joe Biden erzählten Bestsellerautor Ron Suskind für ein Bush-Dossier in der „New York Times“ von arroganten Belehrungen: Als Biden Monate nach Saddams Fall die wachsenden Probleme im Irak zur Sprache brachte, entgegnete Bush, alles sei auf dem rechten Weg. Biden schnaubte: „Mister President, wie können Sie so sicher sein, wenn Sie die Fakten nicht kennen?“ Bush stand auf, klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und murmelte: „Meine Instinkte …!“ Nicht einmal seinen Vater wollte er um Rat fragen, bestätigt Bush-Biograf Bob Woodward: „Ich wende mich lieber an einen höheren Vater“, habe ihm der Präsident erklärt.

Zum Glauben kommt missionarischer Eifer: Bushs aktivste Fangemeinde, Amerikas ultrafromme Evangelisten, die den Terrorhorror des 11. September als „Zeichen Gottes“ deuten, glauben allen Ernstes, im „Kampf gegen das Böse“ werde die Hand des Präsidenten vom Allmächtigen persönlich geführt. „Zum ersten Mal fühle ich“, sagt eine Frau bei ei-nem Wahlkampfauftritt, „dass Gott im Weißen Haus sitzt.“ Bush sieht das ähnlich: „Ich bin kein Historiker, ich schreibe Geschichte“, betont er bei jeder Gelegenheit. Verzweifelt erleben seine Berater, wie Bush die Gültigkeit von Fakten leugnet: „Er schafft sich seine eigenen Realitäten.“ Hilflos steht Herausforderer John Kerry, der dem religiösen Wahn nur ein paar Histörchen aus seiner Zeit als Ministrant entgegensetzen kann, dem Verfechter „der ersten auf purem Glauben basierenden Präsidentschaft der US-Geschichte“ (Suskind) gegenüber. Während in Europa das Unverständnis wächst, applaudiert in den USA die immer größer werdende Zahl von Bürgern, die sich für „von Gott auserwählt hält“, erklärt Shaun Bowler von der University of California, Riverside, im Gespräch mit NEWS das Phänomen des Bush-Erfolgs. Trotz dreier TV-Niederlagen und allgemeiner Unzufriedenheit mit dem Bush-Kurs würden viele davor zurückschrecken, in derart unsicheren Zeiten mit Kerry einen Neustart zu probieren. „Die Amerikaner sind durch den Terror verängstigt wie noch nie – und halten Bush für den stärkeren Krieger“, glaubt Bowler an eine Fortsetzung von Bushs Amtszeit.

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PLUS: Hugo Portisch zur möglichen Wiederwahl von George W. Bush

20.10.2004 15:13