Mittwoch, 20. Oktober 2004

Angst vor Anschlägen: Schweiz liefert Islamisten-Führer an Spanien aus

  • Algerier soll Bombenattentat in Madrid geplant haben
  • Islamisten-Zelle in spanischen Gefängnissen geboren

Die Schweiz liefert einen mutmaßlichen Islamistenführer, der in Spanien eine Terrorzelle aufgebaut haben soll, an die spanische Justiz aus. Der Algerier könne ausgeliefert werden, sobald aus Spanien der entsprechende Haftbefehl vorliege, teilte ein Sprecher des Berner Bundesamts für Justiz mit. Er sitze derzeit in Schubhaft, weil er auch in der Schweiz straffällig geworden sei.

Der 30-jährige Algerier steht in Spanien im Verdacht, einen großen Bombenanschlag in Madrid geplant zu haben. Er soll der Anführer einer Terrorzelle gewesen sein, deren acht mutmaßliche Mitglieder Anfang der Woche bei Razzien in mehreren Städten Spaniens festgenommen worden waren.

Am Mittwoch verhaftete die Polizei im Zusammenhang mit den Ermittlungen einen Imam (Vorbeter) in Roquetas de Mar in Südostspanien. Zunächst war nicht bekannt, was dem Mann vorgeworfen wurde. Die Polizei war den Islamisten durch einen namentlich nicht genannten Informanten hat auf die Spur gekommen. Bei dem Anschlag, den die Gruppe geplant haben soll, ging es nach Presseberichten vor allem darum, die wichtigsten Ermittlungsrichter in Spanien zu töten und die Archive des Nationalen Gerichtshofs zu vernichten.

Die Islamisten-Zelle war nach Erkenntnissen der Polizei in spanischen Gefängnissen entstanden. Sie hatte sich unter muslimischen Strafgefangenen gebildet, die in der Haft eine militante Haltung angenommen und zum "Heiligen Krieg" gegen den Westen aufgerufen hatten. Sie soll geplant haben, einen Lastwagen mit 500 Kilogramm.Sprengstoff vor dem Gerichtshof explodieren zu lassen.

Die Identität des Informanten wird von der Polizei streng geheim gehalten. Er wird, wie die Zeitung "ABC" berichtet, unter der Tarnbezeichnung "Zeuge 11.304" geführt.

Das Oberste Gericht in Madrid, das die Federführung in den Ermittlungen hat, wollte diese Angaben weder bestätigen noch dementieren. Der mit dem Fall der Islamistengruppe betraute Ermittlungsrichter Baltasar Garzon habe eine Informationssperre verfügt, sagte eine Sprecherin der Audiencia Nacional gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Laut der spanischen Tageszeitung "El Pais" hat sich der Mann mit gefälschten Papieren und unter französischem Namen in der Schweiz aufgehalten. In den meisten spanischen Medien war von einem Algerier die Rede, der Kontakte zur Terrorgruppe GIA (Groupe islamique arme) habe. Nach Angaben der spanischen Nachrichtenagentur EFE soll der mutmaßliche Islamisten-Anführer Mitte September in der Schweiz verhaftet worden sein.

Die spanische Polizei hatte bei landesweiten Razzien eine Zelle von militanten Islamisten ausgehoben und acht Verdächtige festgenommen. Die meisten Festgenommenen stammen aus Algerien und Marokko.

Die meisten Festgenommenen stammen aus Algerien und Marokko. Die Mitglieder der Gruppe hatten sich in spanischen Gefängnissen kennengelernt, wo sie Haftstrafen wegen krimineller Vergehen verbüßten. Dies gilt auch für den in Zürich in Ausschaffungshaft befindlichen Mann.

Die Islamisten hatten nach Angaben aus Ermittlerkreisen Kontakte zum Terrornetzwerk El Kaida und zu militanten Gruppen in anderen Ländern Europas, in den USA und Australien gehabt.

(apa/red)

20.10.2004 17:20