Freitag, 15. Oktober 2004

Wagners Gourmet-Kritik der Woche: Der Kulinarik-Guru besuchte den "Roten Wolf"

  • Einfühlsame Küche zum Genießen und Nachdenken
  • Wagner über Welsravioli & sündhaft gute Marillenknödel

Stammgäste der Familie Böck haben so ihre geheimen Zifferncodes. 17.38-18:17 und 22.42-23.33 heißen die beiden populärsten davon. Sie garantieren nämlich einen von Promilleproblemen unbeschwerten Abend bei köstlichen Weinen und raffiniert-einfacher Küche. Man braucht nur das Auto zuhause stehen zu lassen und stattdessen vom Wiener Franz-Josephsbahnhof nach Langenlebarn und wieder zurück zu fahren.

Mit etwas Glück kann man zumindest den Aperitif noch im altweibersommerlichen Vorgarten des Gasthofs „Zum Roten Wolf“ nehmen. Außerdem ist der Herbst eine der besten Jahreszeiten, um hier einzukehren. Denn Susi Böck ist — das beweisen nicht nur ihre Rehmedaillons auf Broccolipüree, Thymiandalken und schwarzen Nüssen — eine hinreißende Wildköchin.

Dass Frau Böck im Ranking der österreichischen Küchenprimadonnen den meisten erst nach Lisl Wagner-Bacher und Johanna Maier einfällt, liegt allerdings keineswegs an ihrem Können. Es hängt vielmehr mit der kontemplativen Art und Weise zusammen, in der sie und Ehegespons Johannes nun schon seit Jahrzehnten ihr ländliches Refugium führen. Vom Sterne- und Haubenkarussell sind die beiden, auf eigenen Wunsch, längst abgesprungen und haben damit möglicherweise etwas an Umsatz eingebüßt, aber dafür an Lebensqualität für sich und ihre Familie gewonnen.

So entspannt wie heute hat Susi Böck, die sich mit einigem Recht zugute halten darf, an der Begründung dessen, was man in den 90ern salopp Neuer Regionalismus nannte, maßgeblicher als die meisten anderen beteiligt gewesen zu sein, in früheren Zeiten jedenfalls nicht gekocht. In ihrer Küche dominiert eine ernährungsphysiologisch durchdachte Grundvernunft mit Esprit und perfekten Zutaten.

Gerichte wie Welsravioli mit Bohnenkraut und Paradeisern, Sesampalatschinken mit Entenfülle und Marillenchutney oder Wels mit Zucchinisauté, grünem Majoran und Erdäpfelpuffer gehen ihr ebenso leicht von der Hand wie ein vorzügliches Kalbspökelzüngerl in Ingwer-Schnittlauchsauce oder die sündhaft guten Marillenknödel mit Butterbröseln und Marilleneis.

Patron Johannes Böck ist in den letzten Jahren ebenfalls noch nachdenklicher, völlig hektikfrei, aber um nichts weniger gesprächig geworden, und stellt nach wie vor den lebenden Antityp zum versatilen Servicemanager amerikanischen Stils dar. Wer sich von ihm in gastro- oder önösophische Diskussionen verstricken lässt, darf sich nicht wundern, wenn die Zeit wie im Flug vergeht und der Zug um 22.42h schneller da ist als man möchte. Zum Trost für jene, die ihn versäumen, gibt´s jedoch auch Gästezimmer.

Gasthof Roter Wolf, 3425 Langenlebarn, Bahnstraße 58
Tel.: 02272/625 67
Ruhetage: Montag und Dienstag geschlossen

Web-Tipp: Christoph Wagner's Weblog:
www.speising.net

15.10.2004 16:47