Bekämpft, bewundert, von Angst erfüllt. Ihr Leben, ihre Feinde, ihr Triumph.

Wer ist Elfriede J.? Die Nobelpreisträgerin in Nahaufnahme. Wie sie mit dem Hass umgeht. Wie sie lebt.
Das vielleicht ist das Faszinierendste an Elfriede Jelinek, von der man doch sagen könnte, sie sei das Faszinierende in Person: dass sie, ohne Ansehen der Person, des Geschlechts, der Religion oder der Weltanschauung, jedem die Chance gibt, an
ihr zu versagen. So blieb Gérard Mortier einsilbig, als er zur Trägerin des diesjährigen Literaturnobelpreises befragt wurde. Das sei, so Mortier knapp, eine Ohrfeige für Haider. Das gewiss, aber nicht nur: Vor vier Monaten sagte Mortier in seiner Eigenschaft als Intendant der Pariser Oper die Auftragsoper Der Fall Hans W. von Olga Neuwirth ab. Anlass war das Libretto über den Klagenfurter Kinderarzt, Päderasten und Mörder Franz Wurst. Der Verfasserin wurde am Donnerstag
der Vorwoche der Nobelpreis für Literatur zuerkannt.
Verstörungsfähig. Gérard Mortier und Elfriede Jelinek wurden unzählige Male von denselben Parteien, Zeitungen und Personen beleidigt. Die Jelinek, heute 57, war während der Ära Mortier Artist in Residence der Salzburger Festspiele. Die beiden hatten einander stets gegenseitiger Bewunderung versichert. Doch Elfriede Jelinek ist damit gesegnet und verflucht, Menschen im Innersten zu entsetzen und zu empören und damit Reflexe zu entfesseln, die sich der Kontrolle der Vernunft entziehen.
Oder der Satiriker Werner Schneyder, ein Mann von auch weltanschaulichem Gardemaß. Die Jelinek, ließ er einst wissen, habe ein großes Problem: Sie rechnet ihre persönlichen, vor allem sexuellen Probleme gesellschaftpolitisch hoch. Vergleichbar, und nicht einmal wesentlich schlechter, hat es oft der Kolumnist Staberl in der Kronen Zeitung formuliert.
Von Bild zur Krone. Oder die jeweils aktuellen Ausgaben des Spiegel und der Bild-Zeitung nach Bekanntwerden der Entscheidung: Nobelpreis für die obszöne Frau Jelinek grölten die Brüder in der Berliner Sprin-
ger-Zentrale. Während die Hamburger Nobelfeuilletonisten Halbsätze aus dickleibigen Romanen rissen, um zu etwa demselben Ergebnis zu gelangen.
Die Jelinek kann, was sonst niemand kann. Sie bringt es zuwege, dass es dem Zentralorgan des patriotischen Freudentaumels, das sonst keinen Mathematikwettbewerb für Oberstufengymnasiasten auslässt, in der Stunde des Triumphs die Schreibe verschlägt. Am Freitag überschlug sich jedes deutschsprachige Blatt mit der Meldung: Hauptschlagzeilen in der Süddeutschen, der FAZ und Welt, in allen österreichischen Blättern ohnehin. Die Suchmaschine Google fand in 0,13 Sekunden 115.000 Links.
Nur die Hauptausgabe der Kronen Zeitung titelte mit einer in zwei Jahren drohenden Reform des Malussystems gegen Verkehrsdelinquenten. So unter aller Vorstellbarkeit hatte man die Autorin über die Jahre auf Dreck gereimt; so unumschrieben wird die Kronen Zeitung in Jelineks Terrorismusstück Stecken, Stab und Stangl beim Namen genannt, dass man sich dort nun außerstande sah, die patriotische Volte zu schlagen. Dafür gossen Leserbriefschreiber mit auffallend glänzenden Nachnamen (Helmut Kafka, Herwig Trakl) eine Fuhre Dung in die Leserbriefseite.
Obersteirer Triumph. Die steirische Regionalausgabe allerdings hieß die neue Klassikerin mit einem Klassiker willkommen: Nobelpreis für Obersteirerin! coverte man dort, obwohl Elfriede Jelinek die nachkriegszeitliche Zufallsheimat Mürzzuschlag im Alter von drei Jahren verlassen hat. Die Gegend wird allerdings im Roman Die Kinder der Toten gewürdigt: Die Erde platzt da auf, und die Heere der Ermordeten, die unter der dünnen Kruste der Geschichtsverdrängung auf ihre Stunde gewartet haben, kommen über das Land.
Wie die Kronen Zeitung kapitulierte auch Jörg Haider vor der Herausforderung der eingesprungenen Jelinek-Umhalsung. Ihn hatte sie (früh) als Übel erkannt und mittels strategischer Griffe an die Weichteile bekämpft. Wieder und wieder hatte sie über den homoerotischen Männerbund der Buberlpartie gemutmaßt, dennoch antwortet Haider kühl: Er fände es unpassend, der Feindin in der Stunde ihres größten Erfolgs zu gratulieren.
Die ganze Story und das Interview mit Elfriede Jelinek lesen Sie im neuen NEWS
Verrat im Vatikan16:29
Komplizen gesuchtItalienischer Kardinal wird verdächtigt. Weitere Festnahmen nicht ausgeschlossen.
Oberösterreich16:50
Familie überlebt CrashAutolenker hatte Sekundenschlaf: Geländewagen überschlug sich mehrfach
Wettskandal in Italien17:04
Razzia bei der SquadraPolizei durchsucht Raum von Verteidiger Criscito im Trainingslager der Italiener
