Mittwoch, 13. Oktober 2004

Michael Moore: Amerikanische GIs berichten aus der Hölle des Irak.

Die 4.900, die ihn auf der Pressetribüne des Republikaner-Parteitags ausbuhten, waren schon ganz gut. Aber doch nur ein riesiger Willkommens-Chor für das Weitere:

Am 5. Oktober, genannt „Moore-Day“ oder auch „M-Day“, gelangten 4,5 Millionen DVDs und Videos der Dokumentation „Fahrenheit 9/11“ in den Handel, erweitert um neue Folterszenen, Bushs gespenstische Pressekonferenz nach seiner Aussage vor der 9/11-Kommission und anderen Aberwitz. Das Buch zum Film (noch im Oktober auf Deutsch bei Piper) ist schon da. 500 Millionen Dollar Gesamterlös für das Zehn-Millionen-Dollar-Projekt sind hochrechenbar.

„Verraten und verkauft“. Der Clou aber ist das dritte am M-Day erschienene Produkt: „Verraten und Verkauft: Briefe von der Front“ enthält Hilferufe der GIs aus der irakischen Hölle. Das Buch ist zur Frankfurter Buchmesse mit 100.000 Stück Startauflage in deutscher Sprache erschienen. 1.060 GIs sind schon gefallen. Vor der Wahl tourt Moore durch 60 Metropolen und liest aus den Zeugnissen der Verzweiflung. Als er zwecks Stärkung der Moral ironisch Unterhosen an Studenten verteilte, verklagten ihn die Republikaner wegen Verstoßes gegen das Wahlgesetz, das Geschenke an Wähler untersagt. Ein Provinzrichter wies die Klage ab – fünf Jahre Haft wären möglich gewesen. Wir lasen das Buch vorweg.

Das Buch im Detail. Ein Ehepaar musste sein vierzehn Monate altes Kind zurücklassen, da das US-Militär befand, dass beide Elternteile dringlicher an der Front benötigt würden. Andere verweigerten nach dem Erleben den Dienst und wurden ins Gefängnis geworfen. Einer tötete in seiner ersten Kriegswoche eine Zivilistin, schaffte es hernach nicht mehr ins Feld und wurde als untauglich entlassen. „Man hat ihm Feigheit vorgeworfen“, empört sich seine Mutter.

Medizinisches Testmaterial. Ein ehemaliger Soldat der Luftwaffe wurde nach der umstrittenen, aber verpflichtenden Milzbrandimpfung mit irreversiblen Gesundheitsschäden entlassen. Die Regierung, so der lebenslang Behinderte, ließ einigen Tranchen des Impfstoffs den umstrittenen Zusatz Squalen zusetzen, „um es an Soldaten zu testen“. Und: „Ich frage mich, warum das nicht nur mir, sondern auch anderen Veteranen angetan wurde, die unter den gleichen Folgen leiden.“ Zwei Militärärzte, die sich weigerten, unerprobte Impfstoffe zu verabreichen, kamen in Haft.
Ein Soldat erhängte sich, nachdem ihm sein Kommandeur den Befehl gegeben hatte, das Erlebte lieber mit Freunden in einer Bar zu ertränken, als „sich zuhause wie Heulsusen aufzuführen und über posttraumatisches Stresssyndrom zu klagen“. Doch als Kriegsopfer, so merkt eine Soldatenmutter an, gelangt man in den USA nur dann in die offizielle Statistik, wenn man innerhalb der Feindeslandesgrenzen stirbt. Und nicht, wenn man etwa im Flieger nachhause seinen Kriegsverletzungen erliegt. Die in Michigan ansässigen Eltern eines nach Bagdad entsandten Sohnes wurden von ihren Mitbürgern bespuckt und mit einem Pick-up gerammt, als sie sich an Antikriegsaktionen beteiligten.

„Wohin geht das Öl?“ „Wir zogen los“, so ein Soldat der Nationalgarde, „und dachten, dass wir das irakische Volk und das Volk der Vereinigten Staaten vor dem Terrorismus schützen würden. In Wahrheit sind wir die Terroristen.“ Einen Absatz später fragt er: „Die US-Soldaten eskortieren über 100 Öltankwagen am Tag aus dem Irak hinaus. Wohin geht das Öl?“

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13.10.2004 17:42