Montag, 11. Oktober 2004

Kursänderung in der Kirche: Schönborn denkt an neue Haltung zu Geschiedenen

  • Krise in St. Pölten "nur sehr regional und partikulär"
  • Schönborn dementiert Schuld an Krenn-Rücktritt

Der Wiener Erzbischof, Kardinal Schönborn, hat Bewegung im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen angekündigt. Er habe "in einem sehr dramatischen Moment" - beim Begräbnis von Bundespräsident Klestil - dieses Thema schon angesprochen, so Schönborn. Und er wolle diesen Weg weiter gehen - "es bewegt sich etwas". Allerdings werde er dies nicht an die große Glocke hängen, "weil ich nicht wünsche, dass das ein großes Medienthema ist". Das sei eine pastorale Frage.

Die Krise der katholischen Kirche in St. Pölten bezeichnete Schönborn bei der Diskussion - ebenso wie Nationalratspräsident Khol - als "eine sehr regionale Krise, eine sehr partikuläre Krise". "Wir haben diese Krise vorausgesehen, haben davor gewarnt." Es sei aber von dem Moment an, wo die Krise publik gemacht worden sei, vom Vatikan sehr zügig gehandelt worden, erkannte der Kardinal an.

Und Schönborn fand auch klare Wort zum inzwischen zurückgetretenen Bischof von St. Pölten, Krenn: Die Turbulenzen zum Schluss seien "eine gewisse Belastung" gewesen. Es sei aber "menschlich verständlich", dass Krenn so lange gezögert habe zurückzutreten.

Schönborn wies Darstellungen zurück, wonach er Schuld am Rücktritt Krenns habe. "Das ist schlicht und einfach grotesk." Die Bitte des Papstes an Krenn, zurückzutreten, sei eine Woche nach Einlangen des Visitations-Berichts von Bischof Klaus Küng erfolgt. "Das sind die Fakten. Alles andere ist schlicht und einfach eine Legende."

Schönborn verwehrte sich andererseits gegen den oft geäußerten Vorwurf, die mit dem Zölibat auferlegte Ehelosigkeit führe zu neurotischem Verhalten. Es gebe auch viele allein lebende Menschen, die nicht Priester seien. Hier zu sagen, diese seien alle neurotisch, sei "diskriminierend".

"Nichts Neues" für Zulehner
Die Ankündigung des Wiener Erzbischofs Kardinal Christoph Schönborn für einen neuen Umgang der Katholischen Kirche mit Wiederverheirateten Geschiedenen ist für den Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner "nichts Neues". In der Erzdiözese Wien gebe es bereits entsprechende Programme in diese Richtung, sagte Zulehner. Eine entsprechende Ausbildung der Seelsorger laufe bereits. Das sei aber nichts, was man an die große Glocke hänge, sondern in Ruhe und auch abseits von Rom entwickeln wolle.

Zulehner geht davon aus, dass der jetzige Papst Johannes Paul II. in dieser Frage "eher streng" sei. In Gegensatz dazu sei der Chef der Glaubenskongregation, Kardinal Josef Ratzinger, schon flexibler. Zulehner glaubt deshalb, dass es unter einem neuen Pontifikat zu einer Änderung kommen könnte. Es gehe darum, was lebensmöglich sei, meinte der Pastoraltheologe. Derzeit sind wiederverheiratete Geschiedene von der Kommunion ausgeschlossen.

(apa/red)

11.10.2004 10:11