Mittwoch, 13. Oktober 2004

Kreml-Chefkoch über Putins Geschmack: Der russische Präsident mag es gesund

  • Michail Schukow kocht für russische Staatsmänner
  • "Unter Breschnew haben wir wie verrückt gearbeitet"

Um das Herz eines Mannes zu erobern, sollte man ihm nach einer alten Hausfrauenweisheit sein Leibgericht kochen. Doch wenn Michail Schukow zum Kochlöffel greift, dann kommt das einem Staatsgeschäft gleich: Tag für Tag zaubern der Kreml-Chefkoch und seine Mannschaft dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen Gästen wohlschmeckende kulinarische Kreationen auf den Tisch.

Schukow weiß nicht nur über die Essgewohnheiten des starken Mannes Russlands aus dem Nähkästchen zu plaudern - in seinen fast vier Jahrzehnten im russischen Präsidentenpalast hat der Chef de Cuisine auch früheren Staatslenkern wie Boris Jelzin und Leonid Breschnew ihre Leibspeisen serviert.

Gericht entsteht im Kopf
Dass Schukow keine Fünf-Minuten-Gerichte aufträgt, versteht sich da von selbst: "Das Gericht entsteht zunächst in meinem Kopf. Ich bereite es ein erstes Mal zu, dann verändere und verbessere ich es, bringe es zu Papier und danach prüft es der Kulinarische Rat", erklärt Schukow. Erst wenn das Gremium - eine auserlesene Riege von Köchen, Feinkostexperten, einem Mediziner und einem Techniker - seine Schöpfung für gut und essbar befunden hat, darf der Chefkoch die Mahlzeit zubereiten. Bei diesem Reifeprozess scheint es fast ein Wunder, dass Schukow und sein 30-köpfiges Team jeden Tag zusammen mit Putin rund 400 Kreml-Mitarbeiter beköstigen, Staatsbankette nicht eingerechnet.

Kein Handwerk - sondern Kunst
"So einen gefüllten Barsch können wir in einer halben Stunde zubereiten, wenn es vor einem Empfang schnell gehen muss", sagt Marina Jelisarowa, seit 18 Jahren Köchin im Kreml, und zeigt auf einen kunstvoll dekorierten Fisch auf einem Silbertablett. "Aber die Vorbereitung in unserem Kopf braucht Tage. Ein Künstler kann seine Leinwand wochenlang anschauen, bevor er zu malen beginnt", fügt sie in schwärmerischem Ton hinzu. Kein Handwerk, sondern eine Kunst üben die Kreml-Cuisiniers nach eigenem Bekunden aus.

Lieblingsgericht: Truthahn mit Speck
Eine seiner Lieblingsspeisen, gefüllten Truthahn mit Speck und Dörrpflaumen, hat Schukow gar "Mona Lisa" genannt. Stolz ist er auch auf seine Fischspezialität mit Pilzen, die er zu Ehren eines legendären Kosakenhauptmanns "Sjenka Rasin" getauft hat. Magenfüllende Gerichte muss Putins Leibkoch zurzeit aber wohl eher selten auftragen: "Unser Präsident ist sehr sportlich, er liebt gesunde Ernährung", verrät Jelisarowa. Hinter vorgehaltener Hand fügt Schukow hinzu, dass der Staatschef, der seine Gegner gerne im Judo auf die Matte wirft, andererseits auch Eiscreme nicht abgeneigt sei; Putins Frau habe zudem eine Schwäche für Gebäck.

Jelzins Hang zu Hochprozentigem
Auch zu den Vorlieben von Putins Vorgängern lässt sich Schukow Einzelheiten entlocken. So war die Boris Jelzins Hang zu Hochprozentigem allgemein bekannt, dass er mit dem Wodka jedoch gemäß russischer Tradition stets Gewürzgurken herunterspülte, dürfte Neuigkeitswert haben. Sein gefräßigster Chef sei mit Abstand Leonid Breschnew gewesen, berichtet Schukow. Der frühere Präsident der UdSSR liebte Spanferkel, Rebhühner und Krebse über alles. "Unter Breschnew haben wir wie die Verrückten gearbeitet. Wir haben praktisch ohne Pause gekocht." Da habe er heutzutage weit weniger Stress, gesteht der Küchenmeister. Putins Appetit sei einfach viel maßvoller.(apa)

13.10.2004 14:09