Freitag, 8. Oktober 2004

Jelinek-Bücher stürmen nach Nobelpreis Verkaufscharts: Bei Amazon 3-mal in Top 10

  • Verlage beginnen mit dem Nachdrucken ihrer Werke
  • PLUS: Alle Gratulationen & Infos über die Preisträgerin

Der Nobelpreis für Elfriede Jelinek hat sich umgehend in den Verkaufszahlen niedergeschlagen: Mit gleich drei Büchern war die Schriftstellerin am Freitag in der Liste der zehn meistverkauften Titel des Online-Buchhändlers Amazon vertreten. In den Top-20 fanden sich insgesamt fünf Werke der Autorin.

Zwischen "Mein Rückenbuch" von Dietrich H. W. Grönemeyer, "Born to Cook" von Tim Mälzer oder dem Bestseller "Illuminati" von Dan Brown dominierte Jelinek die Verkaufsliste. Auf Platz zwei fand sich "Die Klavierspielerin", "Die Liebhaberinnen" rangieren auf Platz neun, dicht gefolgt von "Lust" auf Platz zehn. "Gier" kletterte auf Platz zwölf, "Die Kinder der Toten" auf Platz 18.

Verlage drucken Bücher nach
Die Verlage von Elfriede Jelinek werfen nach der Zuerkennung des Literatur-Nobelpreises an sie die Druckermaschinen an. Der Rowohlt Verlag gab unmittelbar nach der Bekanntgabe der Auszeichnung den Auftrag, sämtliche Taschenbücher nachzudrucken. Der Berlin Verlag, wohin Jelinek vor zwei Jahren ihrem Lektor Delf Schmidt gefolgt ist, druckt ihre bisher dort erschienenen drei Dramenbände in einer Auflage von 8.000 bis 10.000 Exemplaren nach, erfuhr die APA von den Verlags-Sprechern auf der Frankfurter Buchmesse.

Heftige Haider-Kritik
Mit den Worten "Eine kommunistische Schriftstellerin bekommt von mir keine Blumen", reagierte der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider (F) am Freitag auf die Zuerkennung des Literaturnobelpreises an Elfriede Jelinek. Er wolle einer Frau, zu welcher er eine jahrzehntelange konfrontative Beziehung habe, nicht in der Stunde ihres größten Erfolges eine Gratulation schicken, sagte Haider.

Jelinek hat vor Haider und seiner Politik stets gewarnt. So hatte sie einmal gemeint: "Alles, was wir als Künstler versucht haben, hat Haider nur stärker gemacht." Und weiter: Haider arbeite, "wie alle faschistoiden Bewegungen, mit dem ästhetischen Körperkult, mit dem homoerotischen Männerbund, der sich im Sport manifestiert, es ist sozusagen der erlaubte sexuelle Akt mit dem braun gebrannten jungen - er ist so alt wie ich! - 'Führer', der huldvoll seine Gunst gewährt".

Erste österreichische Siegerin
Elfriede Jelinek (57) ist die erste österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin. Sie werde für "den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen", ausgezeichnet, so die Begründung. Jelinek sagte, sie könne nicht an der Nobelpreisverleihung teilnehmen.

"Natürlich freue ich mich auch, da hat es keinen Sinn zu heucheln, aber ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude", meinte Jelinek gegenüber der APA. Sie bezeugte jedoch Angst vor einer Belastung durch den Preis. "Ich eigne mich nicht dafür, als Person an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Da fühle ich mich bedroht." Jelinek weiter: "Ich hoffe, ich kann das damit verbundene Geld genießen, denn damit kann man sorgenfrei leben. Ich hoffe aber auch, es kostet mich nicht zu viel."

10. Frau, die Literaturnobelpreis gewinnt
Jelinek ist damit der zehnte weibliche Literatur-Nobelpreisträger in der Geschichte der Auszeichnung. Bundespräsident Heinz Fischer betonte, mit der Auszeichnung habe ihr "außergewöhnliches bisheriges literarisches Lebenswerk die höchste Auszeichnung auf dem Gebiet der Literatur bekommen, die weltweit verliehen wird". Burgtheaterdirektor Klaus Bachler meinte, "Es ist eine mutige Entscheidung, angesichts dessen, was Jelinek nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch inhaltlich aufgreift, und vor allem eine, die einem Hoffnung macht in unserer Welt."

Kritische Reaktion der FPÖ
Jelinek hat sich nicht nur als Autorin immer eingemischt , sondern auch politische Kontroversen ausgelöst und ausgetragen - vor allem mit der FPÖ,. Diese wiederum revanchierte sich im Wiener Gemeinderats-Wahlkampf 1995 mit der Affichierung von Plakaten mit dem Text "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk... oder Kunst und Kultur?". Entsprechend auch die heutige Reaktion von FPÖ-Kultursprecherin Helene Partik-Pable: Bei aller Freude über die Zuerkennung des Nobelpreises an eine Österreicherin dürfe nicht vergessen werden, "daß Elfriede Jelinek Österreich seit Jahren genußvoll in den Dreck zieht". Wirklich ungetrübt könne sie sich über die Auszeichnung nicht freuen, "vor allem, da sich ja der Autorin durch den Nobelpreis nun ein größerer internationaler Leserkreis erschließen wird und so ihr doch etwas bizarres Österreichbild noch mehr verbreitet wird."

Elfriede Jelinek wurde am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren. Nach der Matura an einer Klosterschule studierte sie am Wiener Konservatorium Klavier und Komposition, belegte daneben aber auch Sprachen, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Noch als Studentin veröffentlichte sie 1967 ihren ersten Gedichtband, "Lisas Schatten". Als ihr "opus magnum" bezeichnete sie selbst "Die Kinder der Toten" (1995). Zuletzt wurde ihr Stück "Attabambi - Pornoland - Eine Reise durchs Schwein" in Zürich uraufgeführt.

Jelineks Texte "zwischen Prosa und Poesie"
Die Natur ihrer Texte ist oftmals "schwer zu definieren", hieß es auf der Nobelpreis-Homepage. Sie "bewegen sich zwischen Prosa und Poesie, Gesängen und Hymnen" und enthalten theatralische Szenen und filmische Sequenzen. Das Hauptgewicht ihres Werkes habe sich von der Novelle auf die Dramatik verlagert. Sie hat auch Werke von Thomas Pynchon, Georges Feydeau und Christopher Marlowe übersetzt, Drehbücher verfasst und das Libretto für eine Oper von Olga Neuwirth geschrieben.

Komitee würdigt Jelineks Kritik an Österreich
"Jelinek hat mit leidenschaftlicher Wut Österreich gegeißelt, das sie in dem phantasmagorischen Roman 'Die Kinder der Toten' (1995) als Totenreich darstellt", beschreibt das Nobelpreis-Komitee in einer "Biobibliographische Notiz" das Werk Jelineks auf der Homepage, wo auch betont wird, dass Jelinek in Österreich "sehr kontroversiell" sei. "Gleichzeitig mit ihrer belletristischen Tätigkeit hat sie sich durch (sic!) als unerschrockene Gesellschaftskritikerin einen Namen gemacht, die auf ihrer Homepage ständig bereit ist, brennend heiße Themen zu kommentieren."
(apa)

8.10.2004 13:32