Montag, 4. Oktober 2004

Die Stunde der Wahrheit schlägt bei Parmalat: Heute beginnt der Prozess

  • 29 Manager und drei Gesellschaften auf Anklagebank
  • Hauptbeschuldigte drängen auf rasches Verfahren

Für die Ex-Manager des insolventen italienischen Nahrungskonzerns Parmalat schlägt am Dienstag die Stunde der Wahrheit. 29 Topmanagern des im Dezember zusammengebrochenen Milchgiganten sind der Kursmanipulation und falscher Kommunikation angeklagt und stehen in Mailand vor Gericht. Zu den Verdächtigten zählen auch der ehemalige Hauptaktionär und Firmengründer Calisto Tanzi, seine Kinder Stefano und Francesca, die Ex-Finanzchefs Fausto Tonna und Luciano Del Soldato, und der Ex-Co-Chef von Parmalat Austria, Claudio Pessina. Angeklagt sind auch die Wirtschaftsprüfer Deloitte & Touche, Grant Thornton sowie die Bank of America.

Der 65-jährige Tanzi, der wegen des betrügerischen Bankrotts seines Unternehmens 275 Tage in Untersuchungshaft und unter Hausarrest verbracht hat, wird nicht vor Untersuchungsrichter Cesare Tacconi erscheinen, der auf Grund des belastendes Material der Ermittler bestimmen muss, ob die Anklage für einen Gerichtsprozess ausreicht. Tanzi, der sich seit einer Woche wieder auf freiem Fuss befindet, leidet unter Herzbeschwerden. Am Sonntag habe er eine Herzattacke erlitten und die Ärzte hätten ihm verboten, nach Mailand zu fahren, berichtete die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" in ihrer Montag-Ausgabe.

Größter Finanzskandal in italienischer Wirtschaft
Tanzi, Tonna und Del Soldato drängen auf ein Schnellverfahren, bei dem sie ein Recht auf Strafbegünstigungen hätten. Dank ihrer Zusammenarbeit mit der Justiz zur Klärung des größten Finanzskandals im italienischen Wirtschaftssystem hoffen sie auf ein milderes Urteil. Ihnen drohen jedoch laut italienischen Experten bis zu 15 Jahren Haft wegen betrügerischen Bankrotts, Bilanzfälschung und Geldunterschlagung. Rund 100.000 geprellte Parmalat-Investoren hatten wegen des Finanzskandals Schäden im Millionenhöhe erlitten.

Fiktives Konto auf den Cayman-Inseln
Die ehemaligen Parmalat-Manager sollen mehrere Parmalat-Tochtergesellschaften mit fiktiven Mitteln aufgebaut haben, die anscheinend die rasch wachsende Schuldenlast des größten italienischen Nahrungsmittelkonzerns ausglichen. Die Parmalat-Tochter Bonlat, die ihren Sitz auf den Cayman-Inseln hatte, wies zum Beispiel Ende 2002 ein Guthaben von 3,95 Mrd. Euro bei der Bank of America aus. Als im Dezember 2003 aufflog, dass dieses Konto gar nicht existierte, stürzte der Kurs der Parmalat-Aktien an einem einzigen Tag um 66 Prozent. Der Konzern brach unter dem Druck eines Schuldenbergs von über 14 Mrd. Euro zusammen.

Wo sind die Geheimkonten von Tanzi?
Bei dem Verfahren am Dienstag können sich auch die Zeichner von Obligationen als Zivilpartei dem Verfahren anschließen. Auch die Mailänder Börsenaufsichtsbehörde Consob will als Zivilkläger gegen Tanzi und seine Mitarbeiter vorgehen. Die große Frage, die der Untersuchungsrichter im Verfahren klären will, ist, wo 1,3 Mrd. Euro aus Tanzis Privatkassen verschwunden sind. Seit über neun Monaten jagen die Ermittler nach dem so genannten "Schatz" des Milchkönigs, der sich auf Geheimkonten in Lateinamerika befinden könnte.

"Parmalat neu" soll 2005 kommen
Inzwischen arbeitet Parmalat-Insolvenzverwalter Enrico Bondi an einem Neubeginn des Unternehmens. Der Aufsichtsrat der insolventen Gesellschaft billigte vor wenigen Tagen einen Plan, der im ersten Quartal 2005 die Notierung der "Nuova Parmalat" vorsieht. Advisor des Börsengangs ist Lazard. In den kommenden Wochen ist die Verabschiedung des industriellen Plans für Parmalat gesehen. Danach sollen alle Aktivitäten des insolventen Milchmultis in die neue Gesellschaft fließen.

Fast die Hälfte der Belegschaft muss gehen
Das Unternehmen soll im kommenden Jahr wieder die Gewinnschwelle erreichen. Schwerpunkt bleibt die Milch- und Fruchtsaftproduktion. Parmalat will sich auf 30 seiner bisher 120 Marken beschränken. Die Zahl der Mitarbeiter wird von 32.000 auf 17.000 reduziert. (apa)

4.10.2004 12:42