Montag, 4. Oktober 2004

ver.di lehnt Konzept ab: Zeichen vor Karstadt-Gesprächen stehen auf Sturm

  • Drei Jahre Frist für gefährdete 77 Warenhäuser
  • Kritik von Schröder: Management gesteht Fehler ein

Beim krisengeschüttelten deutschen Handelsriesen KarstadtQuelle stehen die Zeichen vor Beratungen von Arbeitnehmern und Konzernleitung auf Sturm. "Das Karstadt-Sanierungskonzept tragen wir nicht mit, weil es tausende Arbeitsplätze gefährdet", sagte Franziska Wiethold, Vorstandsmitglied für Handel der Gewerkschaft ver.di, vor Gesprächen im Kreis der Arbeitnehmervertreter und mit der Unternehmensleitung. Sie plädierte für baldige Verhandlungen mit dem Vorstand. ver.di will ein Konzept für Beschäftigungssicherung durchsetzen. KarstadtQuelle-Chef Christoph Achenbach verlangt von den Beschäftigten Gehaltsverzicht und längere Arbeitszeiten, der Vorstand werde ebenfalls einen Sanierungsbeitrag leisten.

Die Arbeitnehmervertreter wollen heute in Kassel ihre Strategie abstimmen. Für Dienstag ist in Frankfurt ein Treffen mit dem Karstadt-Verantwortlichen geplant. KarstadtQuelle hatte vergangene Woche den radikalsten Sanierungsplan der Firmengeschichte angekündigt und will sich von rund der Hälfte seiner Warenhäuser trennen. Jeder Dritte der 100.000 Beschäftigten bangt um seine Zukunft. Die Kosten der Radikalkur - einschließlich hoher Wertberichtigungen - hatte der neue Konzernchef Achenbach auf fast 1,4 Mrd. Euro beziffert.

Das Unternehmen stellte unterdessen klar, dass die 77 Häuser mit weniger als 8.000 Quadratmetern Nutzfläche, von denen der Konzern sich trennen will, in den nächsten drei Jahren nicht geschlossen werden. Sie sollen voraussichtlich zur Jahreswende ausgegliedert und in den folgenden drei Jahren möglichst im Block verkauft werden. Die zum Metro-Konzern gehörende Kaufhof Warenhaus AG steht als Käufer nicht bereit. "Wir haben keinen Bedarf, über einen Einstieg nachzudenken. Auch nicht bei einzelnen Häusern", sagte Kaufhof-Chef Lovro Mandac dem Nachrichtenmagazin "Spiegel".

Gegen Schließung von ertragsreichen Häusern
Achenbach bekräftigte in der ARD-Sendung "Sabine Christiansen", dass die 77 Filialen, die in eine "eigene Vertriebseinheit" ausgelagert würden, nicht geschlossen werden sollten: "Wir haben nie gesagt, dass wir diese 77 Häuser, die im wesentlichen alle ertragreich sind und schwarze Zahlen schreiben, dass wir die schließen werden. Es wäre absolute Kapitalvernichtung, wenn wir ein ertragreiches Haus schließen würden." Diese Häuser würden nicht dichtgemacht, "auch wenn wir sie in drei Jahren nicht verkaufen können." Der Karstadt-Manager betonte, dass das Unternehmen nur mit Unterstützung der Mitarbeiter aus der Krise geführt werden könne.

EM.TV bekundet Interesse
Das Münchner Medienunternehmen EM.TV hat sein Interesse für den Karstadt-Anteil am Deutsche SportFernsehen (DSF) bekundet. "Wir haben dem Karstadt-Vorstand unsere Bereitschaft erklärt, die Anteile zu übernehmen", sagte EM.TV-Chef Werner E. Klatten der Tageszeitung "Die Welt". EM.TV und Karstadt besitzen je rund 40 Prozent an dem einstigen Kanal der zusammengebrochenen Kirch-Gruppe. Die restlichen Anteile hält der Schweizer Kaufmann Hans-Dieter Cleven. Europas größter Warenhauskonzern hat sich bisher aber nur zurückhaltend über einen Verkauf geäußert.

Um die 77 kleineren der insgesamt 181 Karstadt-Waren- und Sporthäuser geht es unter anderem bei den Strategiegesprächen von Gesamtbetriebsrat und Mitgliedern der Tarifkommission in Kassel. ver.di-Vorstand Wiethold sagte der dpa am Wochenende, Thema werde voraussichtlich auch die Forderung nach Beschäftigungssicherung und Tarifbindung sein. Über Streik rede ver.di noch nicht. "Karstadt kann nicht gegen die Beschäftigten saniert werden, sondern nur mit ihnen", fügte Wiethold hinzu.

Management räumt Fehler ein
Wie der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) ging auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel mit dem Management des KarstadtQuelle-Konzerns hart ins Gericht. "Die Verantwortlichen haben einfach zu lange gewartet, statt sich wie andere auf neue Märkte einzustellen", sagte Merkel der "Welt am Sonntag" (WamS). Schröder hatte grundsätzlich Unterstützung angeboten, dem Management aber zugleich ein "eklatantes Fehlverhalten in seiner krassesten Form" vorgeworfen.

KarstadtQuelle-Chef Achenbach verbat sich Einmischung durch die Politik, räumte aber auch Managementfehler ein. "In der derzeitigen Situation kann uns der Kanzler nicht helfen. Wir müssen unsere Probleme selbst lösen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FASZ). Er kündigte an, dass auch das Management Gehaltsverzicht üben und auf Urlaub und weitere Vergünstigungen verzichten wolle. In der ARD-Sendung "Sabine Christiansen" räumte Achenbach am Sonntagabend Managementfehler ein: "Wir haben eine Reihe von Fehlern gemacht, aber es ist nicht hilfreich, nach hinten zu gucken, wenn man über Lösungen nach vorne nachdenkt".

Auch Experten übten Kritik. Die Zeit der Warenhäuser, die alles unter einem Dach bieten, gehe zu Ende, sagte der Saarbrücker Wirtschaftsprofessor Joachim Zentes der "Welt am Sonntag". James Bacos von der Unternehmensberatung Mercer Management Consulting kritisierte im selben Blatt, die Karstadt-Strategie, einen Mittelweg zwischen Billigsortiment und Luxus zu gehen, habe zur Krise geführt. (apa/red)

4.10.2004 08:51