Samstag, 9. Oktober 2004

Fall "Juschtschenko" weiter ungeklärt: Ist Politiker Opfer von biologischen Waffen

  • Wiener Ärzte fanden keine Spuren von Gift
  • Urainischer Präsident kündigte Untersuchungen an

Im Fall um die mysteriöse Erkrankung des im Wiener Rudolfinerhaus behandelten ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Viktor Juschtschenko hat Präsident Leonid Kutschma am Samstag eine Untersuchung angekündigt. Sie soll die Informationen der Ärzte prüfen, wonach gegen Juschtschenko möglicherweise Substanzen biologischer Waffen eingesetzt wurden.

Die österreichischen Mediziner hatten am Freitag erklärt, dass internationale Spezialisten diese Möglichkeit untersuchen sollten. Es bestehe vorerst aber keinerlei Beweis dafür, dass Bioterrorismus im Spiel sei.

In einem Kommunique der ukrainischen Präsidentschaft hieß es am Samstag, dass die Generalstaatsanwaltschaft sowie der Geheimdienst SBU und das Innenministerium von Kutschma angewiesen worden seien, die Informationen im Zusammenhang mit Vorwürfen zu untersuchen, wonach Juschtschenko Opfer eines Attentats geworden sein könnte.

Der reformorientierte Politiker Wolodymyr Siwkowitsch hatte laut der deutschen Zeitung "Die Welt" über Juschtschenko gesagt: "Ich habe ihn gesehen. Er sah furchtbar aus." Er sei schwer gezeichnet, das Gesicht aufgedunsen, das Sprechen falle ihm schwer, der Körper sei mit Ekzemen übersät.

Der Präsident des Rudolfinerhauses, Prof. Michael Zimpfer, hatte am Freitag festgestellt: "Von unserem Standpunkt aus weichen die Symptome, vor allem die Schmerzen, von allem anderen ab, was wir zuvor gesehen haben". Deshalb habe er schon mit mehreren internationalen Institutionen gesprochen und um Hilfe in der Untersuchung gebeten, unter anderem mit dem "American Institute of Poison Control" in Washington.

In einem Brief an Juschtschenko hatten Zimpfer und Wicke geschrieben, dass "die Symptome und der Verlauf der Krankheiten nicht dem entspricht, was der zivilen Medizin bekannt ist". Das habe sie dazu veranlasst, den Gebrauch von biologischen Waffen zu vermuten. "Wir brauchen die Hilfe eines Spezialisten für militärische Operationen und biologische Waffen."

Ungewöhnlich am Krankheitsverlauf Juschtschenkos seien vor allem starke Rückenschmerzen, sagte Zimpfer. Sie seien ab dem 30. September aufgetreten und hätten in keinen Zusammenhang gebracht werden können mit dem bestehenden Krankheitsbild.

Prof. Lothar Wicke, Ärztlicher Leiter des Rudolfinerhauses, steht nach einem Drohanruf unter Polizeischutz. Er habe eine anonyme telefonische Warnung erhalten. Seitdem stehe er unter Polizeischutz und werde ständig von drei Personen überwacht, sagte er am Freitag

Juschtschenko war am 10. September erstmals in das Wiener Privatspital eingeliefert worden. Die Ärzte diagnostizierten eine Entzündung im Magen, Dünndarm, in der Bauchspeicheldrüse und im Ohr sowie eine Leberschwellung und die Lähmung eines peripheren Gesichtsnervs. Sein Umfeld vermutete seitdem, dass er vergiftet worden ist.

In der Ukraine finden am 31. Oktober Präsidentschaftwahlen statt. Der derzeitige Amtsinhaber Leonid Kutschma unterstützt den jetzigen Ministerpräsidenten Viktor Janukowitsch, der - ebenso wie Kutschma selbst - als Russland-orientiert gilt. Dem westlich ausgerichteten Juschtschenko werden aber die größten Chancen eingeräumt: In den Umfragen der vergangenen Wochen liegt der Oppositionskandidat jeweils zwischen vier und zehn Prozentpunkte vor Janukowitsch.
(apa/red)

9.10.2004 19:56